Erschienen in Ausgabe 7-2017Unternehmen & Management

„Ein radikaler Richtungswechsel ist völlig unverzichtbar“

Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar über das bedingungslose Grundeinkommen und neue Marktchancen für Versicherer

Von Susanne Görsdorf-KegelVersicherungswirtschaft

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Versicherungswirtschaft: Herr Professor Straubaar, Sie gehören zu den Befürwortern des bedingungslosen Grundeinkommens. Wieso gewinnt das Thema an Bedeutung?

Thomas Straubhaar: Weil das Unbehagen am heutigen System, von dem man immer weniger erwarten kann, dass es seine selbst gesteckten Ziele erreicht, zunimmt. Das liegt daran, dass es keine ausreichenden Antworten auf den demografischen Wandel, die technologischen Innovationen – Stichwort Digitalisierung – und die gesellschaftspolitischen Veränderungen wie die zunehmende Individualisierung gibt.

Zu den Befürwortern des Modells gehören etwa Götz Werner, DM-Gründer, oder Katja Kipping von den Linken. Sie indes interpretieren bedingungsloses Einkommen anders. Wo liegen die Unterschiede?

Bei der Linken steht die Frage im Vordergrund, wie hoch das Grundeinkommen sinnvollerweise sein sollte. Dabei werden Forderungen gestellt, die doppelt so hoch sind wie das, was meiner Einschätzung nach aus ökonomischer Sicht machbar ist. Götz Werner will die Finanzierung über eine individuelle Konsumsteuer machen, die aber bekanntlich geringere Einkommen stärker belastet als höhere, was regressiv wirkt und damit ungerecht ist. Dadurch würde zudem ein Teufelskreis entstehen: Die Güter würden wesentlich teurer werden und die Kaufkraft des bedingungslosen Grundeinkommens würde entsprechend sinken. Andererseits hat sein Ansatz den Vorteil, dass diese Form der Finanzierung einfach einzutreiben ist. Ich selbst plädiere für eine Wertschöpfungssteuer auf alle Einkommensarten. Das will auch Die Linke, die ja zusätzlich für eine Erbschafts- und Vermögenssteuer eintritt.

Nach Ihrem Ansatz sollte jeder Bundesbürger – vom Neugeborenen bis zum Rentner – 1.000 Euro im Monat einschließlich einer Basis-Gesundheitsversorgung erhalten. Jeder, der arbeitet, bekommt trotzdem dieses Einkommen, zahlt aber vom ersten Cent an 50 Prozent Einkommenssteuer. Wie haben Sie das errechnet?

In Deutschland geben wir über 900 Mrd. Euro pro Jahr für das Sozialsystem aus. Das ergibt im Durchschnitt 1.000 Euro pro Person im Monat. Das ließe sich mit einem Steuersatz von 50 Prozent auf die gesamte in Deutschland jährlich erwirtschaftete Wertschöpfung finanzieren. Dabei sollte es keine Unterscheidung zwischen den Einkommensarten geben, Kapital- und Zinserträge, Arbeitseinkommen, Gewinne und Dividenden sollten alle gleichermaßen besteuert werden. Mathematisch gesehen führt das zu einem progressiven Steuersystem – wer mehr verdient, zahlt absolut und relativ mehr, da…