Erschienen in Ausgabe 6-2017Schlaglicht

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Seit 2015 durchleben die großen deutschen Versicherer eine Welle an Wachablösungen an den Vorstandsspitzen. In den meisten Fällen gehen die Führungswechsel leise über die Bühne, fließende Übergänge ohne tiefe Brüche sind das Ziel. Doch nicht immer passt es, wie die Unternehmen wollen.

Von Versicherungswirtschaft

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Es ist etwas ruhiger geworden um das deutsche Axa-Hauptquartier in der Colonia-Allee, nachdem Thomas Buberl im letzten Jahr seine Karriere-Zelte in der Weltmetropole Paris aufschlug. Dabei ist die Pace, die sein Nachfolger Alexander Vollert bei der Frankreich-Tochter am Standort Deutschland vorgibt, durchaus der Rede wert – und die unternehmerischen Überzeugungen beider Führungskräfte gar nicht so weit voneinander entfernt: Beide vertrauen in das schlummernde Geschäftspotenzial der Digitalisierung, beide können harte Entscheidungen treffen, beide gelten als kühle Rechner. Erst im März dieses Jahres kündigte Vollert an, den Konzern im Rahmen des Strategieprogramms „Ambition 2020“ mit 200 Initiativen neu aufstellen zu wollen. Ambitioniert ist das Projekt tatsächlich. Immerhin sollen jährliche Kosten in Höhe von rund 180 Mio. Euro eingespart und ein ganzes Geschäftsmodell transformiert werden, weg von der klassischen Versicherung hin zu einer besseren Kundeninteraktion. Die Weichen für die strategische Erneuerung, einhergehend mit der Anstrengung eine digitale Mentalität im Unternehmen zu implementieren, stellte seinerzeit Thomas Buberl. „Gute Ideen kommen nicht durch große Change-Programme, sondern sind kleine Pflänzchen, die überall geboren werden“, sagte er schon 2013 im Gespräch mit dem Magazin Versicherungswirtschaft und schien damit den Nerv der Branche getroffen zu haben.
Das Mindset der Versicherer beruht in Strategie und Führung traditionell auf Leitlinien der Kontinuität. So ist der Aufstieg Buberls an die Axa-Spitze, verbunden mit der Positionierung des Digitalisierungsexperten Vollert als Chief Executive Officer der Deutschlandzentrale, ein Musterbeispiel dafür, wie geschickt die Versicherer auf Vorstandsebene mit Personalrochaden umgehen, ohne Reibungsverluste hinzunehmen.

Wenning zieht die Zügel an

Spontane Machtverschiebungen mit Urknall-Wirkung sind in der als konservativ geltenden Versicherungsbranche die Ausnahme, bei den Marktakteuren haben fließende Übergänge von alt zu neu sowie kohärente Karriereverläufe der Manager Vorrang. Der Münchener Branchenprimus Allianz wurde in seiner mittlerweile 127-jährigen Unternehmenshistorie nur von zehn Chefs geführt, der Rückversicherer Munich Re kommt seit 1880 auf neun Vorstandsvorsitzende. „Ständige Wechsel bringen Unruhe in ein Unternehmen, weil keine eindeutige Strategie langfristig verfolgt werden kann“, weiß Ulrich Leitermann. 2013 löste er Reinhold Schulte nach 26 Jahren im Vorstand und 16 Jahren…