Erschienen in Ausgabe 6-2017Trends & Innovationen

Wasserstand ohne Aussagekraft

Den Vorgaben der Aufseher haben Versicherer mit ihren Solvenzberichten zwar Genüge getan, ihren Kunden aber keinen Gefallen

Von David GorrVersicherungswirtschaft

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Wie Gesten wirken

Gut ein Jahr nach dem Inkrafttreten von Solvency II haben die Versicherungsunternehmen am 22. Mai erstmals ihre Solvenzberichte (Solvency and Financial Condition Report – kurz: SFCR) veröffentlicht. Das Aufsichtssystem verlangt, dass Versicherer über so viel Kapital verfügen müssen, dass sie auch extreme – statistisch gesehen nur alle 200 Jahre auftretende – Ereignisse wie Naturkatastrophen oder einen Finanzmarktcrash überstehen. In der Tat bestehen Zweifel, dass einige Anbieter das schaffen. Nun konnten Aufsichtsbehörden, Makler, Aktionäre sowie Kunden sich selbst ein Urteil darüber bilden. 350 deutsche Versicherer stellten entsprechende Informationen ins Internet. Die Huk Coburg veröffentlichte für jede ihrer Töchter mehr als 100 Seiten, ähnlich umfassend war das Zahlenmaterial bei der Ergo Leben, was auf Kritik bei Verbraucherschützern stieß. Der direkte Nutzen sei nicht so groß, eine Vergleichbarkeit der Quoten unmöglich. Die Berichte sind daher eher Stoff für die Aufsicht und für Analysten. Die Bafin will Anfang Juni eine Einschätzung abgeben, wie es um die Branche steht. Ob der Kapitalpuffer für Extremfälle ausreicht, zeigt die so genannte Bedeckungsquote bzw. Solvenzquote an. Sie ergibt sich aus dem Verhältnis vom vorhandenen Kapital zum erforderlichen Kapital – der Solvenzkapitalanforderung (Solvency Capital Requirement – SCR). Je höher der Prozentsatz ausfällt, desto besser ist er, die Quote von 100 Prozent gilt als kritisch.

Pleitekandidaten mit viel Puffer

Der Allianz-Konzern kommt auf eine Quote von 218 Prozent, Allianz Leben erreicht 379 Prozent – ohne Übergangsmaßnahmen. Mit dem Einsatz dieser Regel, die man bis zum Jahr 2031 anwenden darf, und der Volatilitätsanpassung, käme die Lebensversicherungstochter auf 660 Prozent. Ohne Übergangsmaßnahmen wären 29 der 84 Lebensversicherer in den kritischen Bereich geraten. Die Ergo Leben hätte genau 100 Prozent erreicht, die Huk Leben hätte statt der ausgewiesenen 282 Prozent nur 109 Prozent geschafft. Auch die Debeka Leben, einer der größten deutschen Lebensversicherer, benötigt diesen Puffer, um über die 100-Prozent-Schwelle zu kommen. Die Koblenzer verweisen darauf, dass sie erheblich mehr Verträge mit hohen Garantiezusagen im Bestand hätten als der Branchendurchschnitt.
Viele Anbieter leiden nach wie vor unter dem Niedrigzins. „Einige Lebensversicherer beaufsichtigen wir besonders“, kündigte Bafin-Chef Felix Hufeld lange vor dem Stichtag an – „und dafür haben wir gute…