Erschienen in Ausgabe 5-2017Trends & Innovationen

Solidarkonzept mit Schwachstellen

Welche Ansätze Politik und Wirtschaft bei der Bewältigung von Klimarisiken in Schwellenländern verfolgen

Von Thomas LosterVersicherungswirtschaft

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Heftigere Stürme, mehr Überschwemmungen und häufigere Dürren. Der Klimawandel beeinflusst das Versicherungsgeschäft, und die Branche muss sich darauf vorbereiten. Natürlich bietet der Klimawandel neben Risiken auch Geschäftsmöglichkeiten. So steigt nicht nur der Bedarf für Elementargefahren-Deckungen. Im Kontext von Energiewende und Mitigation – der Verminderung von CO2-Emissionen – können neue Produkte entwickelt werden. Beispielsweise Garantiedeckungen für Erneuerbare Energien wie Solaranlagen und Windparks oder damit verbundene Smart Grids. Fast unbemerkt entsteht derzeit ein großer internationaler Markt für Klimarisikoversicherungen. Die Weltpolitik hat gerade die Weichen dafür gestellt.

Langzeitprozesse nicht versicherbar

Unter dem Schlagwort „Climate Risk Insurance“, zu deutsch Klima-Risikoversicherung, sollen künftig Menschen Versicherungsschutz für Wetter-Risiken erhalten. Allerdings nicht in Deutschland, der EU oder Nordamerika. In erster Linie sollen Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern profitieren. Diese leiden häufig besonders unter den Auswirkungen des Klimawandels, weil die Auswirkungen in südlichen Ländern oft stärker sind.
Sie sind meist auch verletzlicher gegenüber Extremwetterereignissen, denn sie haben weniger Kapazität, Schäden zu puffern. Dass Länder mit hoher Versicherungsdichte Schocks durch Wetterextreme besser verkraften, ist längst erwiesen. Sie sind resilienter und kommen nach Wetterkatastrophen schneller wieder auf die Füße. Die Klima-Risikoversicherung adressiert in der Regel Deckungen für Extremereignisse wie starke Stürme, Überschwemmungen oder Dürren. Nicht versicherbar sind längerfristige, großräumige Prozesse in der Umwelt, die in einem wärmeren Klima ebenfalls unweigerlich auftreten: der globale Meeresspiegelanstieg, große Gletscherschmelzen – etwa im Himalaja-Gebirge – oder schleichende Wüstenbildung, sprich Desertifikation.
Seit Jahren beschäftigen sich die Vereinten Nationen, Nichtregierungsorganisationen, Entwicklungsbanken sowie Vertreter der Versicherungswirtschaft mit der Frage, wie Versicherungslösungen für Risiken in Verbindung mit dem Klimawandel entwickelt werden können. Nicht nur national, sondern international, ja sogar global. Das ist für die armen Länder besonders wichtig, aber zugleich oft besonders schwierig. Die Märkte sind teilweise wenig entwickelt, unter Umständen fehlen Regulierungsstandards. Wichtige Daten für notwendige Produkte – etwa im Agrarbereich – fehlen, ebenso Erfahrungen. Diese Märkte sind wenig spezialisiert für Deckungen, wie sie im Zuge der globalen Erwärmung gebraucht werden.
Seit nun gut zehn Jahren entwickeln Akteure wie die Weltbank, das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) und Entwicklungsbanken in Zusammenarbeit mit führenden Rückversicherern Lösungen. In der Karibik entstand schon vor zehn Jahren der länderübergreifende Versicherungspool Caribbean Catastrophe Risk Insurance Facility (CCRIF), der heute 16 Länder in der Region gegen große Stürme, meist tropische Wirbelstürme, absichert. Gedeckt sind in der Regel Starkregen und hohe Windstärken. Der Ruf der Politik nach öffentlich-privaten Partnerschaften (PPP public-private partnerships) hat deutlich zugenommen. Denn globale Herausforderungen sind oft nur in Partnerschaften von Staat, Wirtschaft und den Betroffenen zu lösen. Zunehmend haben sich auch im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit über die Jahre gute Beziehungen entwickelt. Bei den internationalen politischen Verhandlungen zur Eindämmung des Klimawandels, den seit 1995 stattfindenden Weltklimagipfeln, waren die führenden Rückversicherer von Anfang an dabei. Über die Jahre entwickelte sich der Dialog zu Klimarisiken und deren Absicherung weiter.

Bewusstsein für Klimarisiko schaffen

2005 wurde in München auf Initiative von Munich Re die Munich Climate Insurance Initiative (MCII) gegründet, ein Verbund von Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, die sich seit ehedem mit dem Thema beschäftigen. Der gemeinnützige Verein steht im engen Austausch mit der Politik und bringt sein Wissen zu finanziellem Risikotransfer ein. Dabei sollen Versicherungen nicht als Wunderwaffe für die Klima-Anpassung verkannt werden. Die MCII betont, dass Klimaversicherung nur ein Element für die Anpassung ist, andere Anstrengungen wie Katastrophenvorsorge und Kapazitätsaufbau in armen Ländern sind nach wie vor der Hauptschlüssel.
Anfang Juni 2015 fand im bayerischen Elmau der 41. G7-Gipfel statt. Ein Top-Thema auf der Agenda: „Climate Risk Insurance“. Auf diesem Spitzentreffen der Politik wurde das Thema auf die Tagesordnung gehoben. Besser noch, am Ende des Gipfels wurde ein bemerkenswerter Beschluss gefasst: Bis zum Jahr 2020, so lautet das Ziel der Initiative InsuResilience der G7-Staaten, sollen zusätzlich mindestens 400 Millionen Menschen gegen klimabedingte Ernteausfälle oder andere Verluste abgesichert sein. Beim Weltklimagipfel COP 21 in Paris im Dezember 2015 sagten dann die G7-Staaten eine erste Unterstützung von 420 Mio. US-Dollar für InsuResilience zu. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Deutschland stellte davon 150 Mio. Euro zur Verfügung. 400 Millionen Neuversicherte, das ist ein großes Ziel, haben doch heute weltweit nur etwa 250 Millionen arme Menschen einen einfachen Versicherungsschutz, eine sogenannte Mikroversicherung für Gesundheit, Leben oder Sach. Auch dieses Thema wurde in Elmau diskutiert. Das Ergebnis: Etwa 100 Millionen Neukunden sollen individuell Versicherungspolicen erhalten, die restlichen 300 Millionen können über staatliche Versicherungssysteme berücksichtigt werden.
Derzeit wird sondiert, welche Lösungen sich eignen, um bis 2020 so viele Betroffene in Versicherung zu bringen. Weltweit existieren einige Pilotprojekte und Versicherungsmodelle, welche die zuständigen Behörden nun unter die Lupe nehmen. Gute Elemente sollen in neue Systeme übernommen oder multipliziert werden. Beispiele sind:
Karibik-Pool: Die Caribbean Catastrophe Risk Insurance Facility (CCRIF) ist ein staatenübergreifender Versicherungs-Pool in der Karibik, der dort 16 Regierungen gegen Wetterextreme und Erdbeben absichert. Regelmäßige Auszahlungen demonstrieren, dass Versicherung für Großereignisse regelmäßige Geldflüsse für den Wiederaufbau generieren kann.
Länderpool Afrika: Die African Risk Capacity (ARC) dient der Absicherung für Wetterrisiken, derzeit überwiegend gegen Dürren in Ländern der Afrikanischen Union. Die Teilnahme an diesem großangelegten Solidarkonzept, das Länder in ganz Afrika einschließt, bedingt, dass Teilnehmerländer eine fundierte Notfallplanung vorweisen können. Das verbessert insgesamt das Risiko- und Krisenmanagement. Allerdings kam es gerade in jüngster Zeit zum Streit über Dürreschäden in Malawi, was die ARC zurückwerfen könnte.
Management-Plattform im Pazifik: Die Pacific Catastrophe Risk Assessment & Financing Initiative beinhaltet eine umfassende Risiko-Management-Plattform, die unter anderem Gefahreninformationen in der Region teilt. Sie enthält ebenfalls einen Versicherungsteil, der im Falle großer Zyklone auf betroffenen Inseln auszahlt.
Absicherung von Individuen durch eine Police der MCII: Auch die MCII testet in einzelnen Ländern der Karibik ein Konzept für die Absicherung armer Menschen im Fall von Starkregen oder -wind. Die Police zum Schutz vor Einkommenseinbußen kann von Kunden in St. Lucia und Jamaika erworben werden. Die Prämien sind erschwinglich und die Schadenauszahlungen helfen, Unwetterschäden rascher zu beseitigen.
Nachdem es bei dieser Art von Versicherung oftmals um neue Produkte geht, die in unterschiedlichen Kulturen zum Einsatz kommen, ergeben sich naheliegende Herausforderungen. Grundsätzlich liegt eine oft schlechte Datenqualität vor. Wetterdaten müssen modelliert und interpoliert werden. Kunden, auch Regierungsvertreter auf staatlicher und kommunaler Ebene, müssen erst mit typischen Versicherungsmechanismen vertraut gemacht werden. In vielen Gesellschaften in Entwicklungsländern ist Sparen als Anlage für Notfälle die vorherrschende Strategie. Von zentraler Bedeutung ist also das Verstehen des Solidarkonzepts Versicherung. Das bedeutet, dass Schulungsaufwände und Bewusstseinsbildung für die Klimaversicherung in der Regel sehr aufwändig sind. Und ein weiterer Knackpunkt für nachhaltigen Erfolg ist die geographische Streuung der Risiken im Raum oder über die Zeit. Da es sich in der Regel um neue Produkte oder Märkte handelt, stehen Bewährungsproben in den meisten Fällen noch bevor.

Reputation in Gefahr

Die Deckungen sind oftmals indexbasiert, Auszahlungen werden getriggert, sobald eine bestimmte Windstärke oder Regenmenge auftritt oder Trockenheit über eine gewisse Zeit andauert. Daher besteht das Risiko, die Reputation von Versicherern langfristig zu gefährden. Was passiert etwa, wenn Kunden längere, starke Niederschläge erleben und subjektiv mit „katastrophalen Umständen“ konfrontiert sind – die Versicherung aber die Zahlung verweigert, weil der vereinbarte, hohe historische Wert nicht erreicht wurde? Auf der anderen Seite kann es zu Auszahlungen kommen, weil Trigger-Werte erreicht wurden, auch wenn der Schaden beim Versicherungsnehmer sehr gering ist. Die Klimarisikoversicherung kämpft also mit typischen Herausforderungen bei der Produkteinführung, die wegen politischer Kontexte und kultureller Hürden oft noch überhöht sind. Es steht außer Zweifel, dass sich die Klimaversicherung im Zuge des sich immer deutlicher abzeichnenden Klimawandels entwickeln und stark ausbreiten wird. Voraussichtlich werden bald weitere Mittel aus internationalen Klima-Fonds bereitstehen. Insofern stellt sich, ähnlich wie beim UN-Entwicklungsziel „Internet für Alle“, nicht die Frage, ob Klimaversicherung weltweit kommt. Offen ist nur, mit welcher Qualität und wann.
Thomas Loster ist seit 2004 Geschäftsführer der Munich Re Foundation. Die Stiftung beschäftigt sich inhaltlich mit Themen wie Armutsbekämpfung, Umwelt- und Klimaveränderung, Wasser als Ressource und Risikofaktor sowie Bevölkerungsentwicklung und Katastrophenvorsorge. Mit dieser Ausgabe geht die Serie 70 Jahre Versicherungs­wirtschaft zu Ende.vw