Erschienen in Ausgabe 5-2017Schlaglicht

Stille Unruhe im Herzstück

Gekonnt spielen Versicherer nach außen mit dem Image des fairen Arbeitgebers. Doch Stellenkürzungen passen nicht so recht in dieses Bild. Im Inneren rumort es, und die Unternehmen scheinen zunehmend ihr Gleichgewicht zu verlieren.

Von Dominic EggerVersicherungswirtschaft

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Der einzige Streik, den wir in der deutschen Versicherungswirtschaft je hatten, dauerte drei Tage und fand vor knapp 100 Jahren statt.“ Für Josef Beutelmann schien ein Arbeitskampf 2015 undenkbar. Der damalige Vorsitzende des Arbeitgeberverbands der Versicherungsunternehmen in Deutschland (AGV) handelte mit Verdi, der christlichen DHV und dem Deutsche Bankangestellten Verband (DBV) einen Tarifvertrag von zwei Jahren Laufzeit aus. Den 170.000 Beschäftigten des Innendienstes brachte er eine Gehaltserhöhung von 4,3 Prozent.
Ob sich die Arbeitgeber bei den laufenden Verhandlungen einen ähnlich hohen Abschluss abringen lassen, ist fraglich. Seit der letzten Runde hat sich der Arbeitsmarkt in der Versicherungswirtschaft spürbar gewandelt: Von allen Seiten drängt der digitale Fortschritt in die Unternehmen und droht die Angestellten in Innen- und Außendienst von ihren sicher geglaubten Arbeitsplätzen hinfortzuspülen: „Effizienz hat Vorfahrt“ lautet der Business-Claim von Konzernlenkern und Spitzenberatern. Automatisieren, Rationalisieren, Kostensenken – es scheint, als hätte dieser Dreiklang an unternehmerischen Aufgaben oberste Priorität. Wie steht es aber um die soziale Verantwortung der Unternehmen gegenüber Beschäftigten?

Konzentration via Schnellzug

„Die Leute sind durch permanente Umstrukturierung an der Belastungsgrenze“, sagt Frank Weber. Auf 21 Jahre Betriebsratsarbeit blickt er bei der Karlsruher und Württembergischen zurück. Die Übernahme der Karlsruher durch die Württembergische wurde 2006 abgewickelt. Frank Weber ist seit November 2016 Vorsitzender des Konzernbetriebsrats der W&W Gruppe. Am Standort Karlsruhe sind von ehemals 2.500 Mitarbeitern nur noch rund 700 übrig geblieben. Ein extra geschlossener Fusionstarifvertrag aus dem Jahr 2006 schützte die damals Beschäftigten zwar vor Kündigung. Rund 800 bis 1.000  Mitarbeiter aus Stabsabteilungen und der IT mussten allerdings rasch die Koffer packen und nach Stuttgart ziehen. „Das war ein harter Einschnitt“, blickt Weber zurück. „Nun sind wir im elften Jahr der Fusion, doch die Konzentrationsprozesse werden weitergehen.“ So steht ein weiterer Umzug an: Die Hypotheken-Abteilung der ehemaligen Karlsruher Leben soll sich zur Bausparkasse nach Ludwigsburg gesellen, dort entsteht derzeit ein neuer Stammsitz. Jeder Mitarbeiter bekomme ein Arbeitsplatzangebot im schwäbischen Landesteil, erklärt Weber. Außerdem könnten die Beschäftigten innerhalb der ersten 18 Monate ausprobieren, ob ihnen die Pendelstrecke…