Erschienen in Ausgabe 5-2017Märkte & Vertrieb

Denkanstöße aus hohen Sphären

Philosophie eröffnet Versicherungsentscheidern unbekannte Management-Perspektiven

Von Michael ZerrVersicherungswirtschaft

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Die großen philosophischen Systeme Asiens und Griechenlands, die vor rund zweieinhalb Jahrtausenden entstanden sind, waren vermutlich nicht zuletzt eine Antwort auf die Frage, wie in räumlich ausgedehnten, stratifizierten Gesellschaften, in denen die evolutionär vererbten Mechanismen des Zusammenlebens nicht mehr unmittelbar wirksam sind, gleichwohl ein gutes Zusammenleben organisiert werden kann. Diese Frage ist für die Versicherungswirtschaft heute aktueller denn je. Wie sollte die akademische Ausbildung von Menschen gestaltet sein, die in diesem Feld künftig als Manager tätig sind?
Ohne Frage spielen mathematische und statistische Kompetenzen eine zentrale Rolle, vermutlich ebenso wie ein profundes Wissen über Macht- und Herrschaftstechniken, Mikropolitik und Interessendurchsetzung. Betriebswirtschaftlich ausgebildete Manager verfügen typischerweise über ein reichhaltiges Repertoire an einfachen Heuristiken, mit deren Hilfe der Bereich möglicher Antworten oder Problemlösungen schnell eingegrenzt werden kann. Auch wenn viele dieser aus dem Überschneidungsbereich von Beraterindustrie und Business Schools stammenden Modelle oft mechanistisch und teilweise sogar simplizistisch erscheinen, so erfüllen sie doch eine wichtige Funktion: Um die Fülle der Informationen erfassen und ihre Bedeutung verstehen zu können, bedarf es einer Sprache, die Erlebtes und Vorgestelltes kommunizierbar macht. Die betriebswirtschaftlichen Tools ermöglichen es dem Manager, eine Abbildung oder Repräsentation der Welt und Umwelt zu schaffen, zu benutzen und mit anderen zu teilen, die die arbeitsteilige Leistungserbringung erst ermöglicht. Die Beliebtheit dieser theoretisch oft nur schwach fundierten Modelle beruht mithin weniger auf ihrem wissenschaftlichen Gehalt, als auf ihrer Praktikabilität und Akzeptanz zur Beschreibung der Welt.
Zugleich ermöglichen sie die Inszenierung von Rationalität und helfen damit, die Unsicherheit zu reduzieren, die den organisationalen Alltag angesichts der Fülle von Entscheidungen und damit verbundenen Verantwortlichkeiten bestimmt. Auch wenn aus neurowissenschaftlicher Sicht vielen scheinbar rationalen Entscheidungen affektive oder emotionale Zustände vorausgehen und Intuition und implizites Wissen als Elemente des Entscheidens zunehmend in den Blickpunkt rücken, so gibt es gleichwohl offenbar ein Bedürfnis, die jeweilige Entscheidung rational zu legitimieren und zugleich die unsichere Zukunft ein bisschen weniger bedrohlich erscheinen zu lassen. Und…