Erschienen in Ausgabe 5-2017Märkte & Vertrieb

Letzter Aufruf nach Brüssel

Der neue EU-Standort des Traditionshauses Lloyd’s ist politisch brisant, hat aber betriebswirtschaftlich viele Vorzüge

Von Philipp ThomasVersicherungswirtschaft

Lesen Sie den vollständigen Artikel

Erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln unserer Fachzeitschriften und Publikationen.
Am selben Tag, an dem die britische Premierministerin Theresa May dem EURatspräsidenten Donald Tusk die sechsseitige formelle Brexit-Erklärung aushändigte, kündigte Lloyd’s of London die Gründung einer in Brüssel beheimateten Rest-EU-Vorschaltgesellschaft an. Monatelang hat die weltgrößte Versicherungsbörse die Standorte in den übrigen europäischen Ländern gegeneinander abgewogen. Fünf Städte waren in die engere Wahl gekommen. Weil AIG und Blackstone sich für Luxemburg entschieden haben, spekulierten Beobachter, dass das Großherzgtum auch Lloyd‘s anlocken würde. Stattdessen entschied sich CEO Inga Beale für die heimliche Hauptstadt der EU, was auch als politisches Zeichen zu deuten ist. Neben der Nähe zu den EU-Institutionen und der höheren Beliebheit von Brüssel bei den dorthin zu entsendenden Expats spielte auch die ausgezeichnete Verkehrsverbindung durch den Eurostar eine wesentliche Rolle bei der Entscheidung. Hinzu kommt die größere Respektabilität der belgischen Aufsichtsbehörde. Es könnte sein, dass die alternativen Standorte Irland und Luxemburg noch zu sehr mit Captives und Ergebnis-Verlagerungen unter Einsatz von nicht über alle Zweifel erhabenen Intra-Group-Transaktionen identifiziert werden.

Nicht gewappnet für den Worst Case

Die Entscheidung von Lloyd’s könnte Signalwirkung für weitere Verlagerungen haben. Die London School of Economics (LSE) schätzt, dass die britischen Versicherer, die für 20 Prozent der Umsätze in der Londoner City stehen, wegen des Brexits um Erlöse in Höhe von bis zu vier Mrd. Pfund bangen müssen.
„Die neue Gesellschaft wird von zehn in Brüssel ansässigen Personen verwaltet werden. Zusätzlich werden ihr die bisherigen Lloyd’s-Niederlassungen im Rest der EU zugeschlagen, woraus sich eine Gesamtpersonalstärke von 60 Personen ergibt“, erklärte Inga Beale im Gespräch mit der Versicherungswirtschaft. Es ist einzelnen Syndikaten überlassen, wie sie sich lokal organisieren, ob sie Zeichnungsagenten ernennen oder einen eigenen Underwriter vor Ort delegieren, sagte die Lloyd‘s-Chefin. Hauptsitz werde weiter London bleiben. Beale gab jedoch zu, dass sie noch keine Lösung dafür hat, falls Großbritannien die regolatorische Äquivalenz gestrichen wird. Die neue EU-Gesellschaft soll bereits ab 1. Januar 2019 als Fronter für in der Rest-EU zu zeichnendes Geschäft zur Verfügung stehen. Bei der Art der Lizenz handelt es sich um Erstversicherung im Nicht-Leben. Dies bedeutet, dass die eher unbedeutenden Term Life zeichnenden Syndikate über…