Erschienen in Ausgabe 5-2017Märkte & Vertrieb

Republik außer Atem

Frankreich steht vor einer historischen Richtungsentscheidung, die Versicherer an den Rand des Abgrunds bringen könnte

Von David GorrVersicherungswirtschaft

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Was für ein Fiasko für die etablierten Parteien. Ein 39-jähriger Ex-Banker ohne Parteiapparat und politische Erfahrung und eine Rechtspopulisten machen das Rennen um die französische Präsidentschaft am 7. Mai unter sich aus. Dennoch sind die Machtzentren Europas und deren Finanzmärkte heilfroh, dass zumindest ein Kandidat in die zweite Runde geht, der weiterhin an offene Grenzen, den Markt und den Euro glaubt. Wie konnte es dazu kommen? Trotz einer der höchsten Mindestlöhne weltweit und einer kurzen Jahresarbeitszeit sind die Franzosen von ihren Politikern enttäuscht. Denn die Wirtschaft stagniert, die Arbeitslosigkeit verharrt bei zehn Prozent, bei der Jugend sogar bei 25 Prozent. Hinzu kommen zahlreichen Skandale und privaten Affären auf Regierungsebene und die Verunsicherung durch den Terror. Ein Nährboden für den Aufstieg des Front National.

Heilkräfte des Staates enttäuschen

Deren Chefin Marine Le Pen will die Wiedereinführung des Franc, den Austritt aus der EU und einen Einwanderungsstopp. Eine von dem Euro-System losgelöste französische Notenbank soll endlich das Haushaltsdefizit auf Pump finanzieren. „Dabei war es erst durch den Euro möglich, die Dominanz der Bundesbank in Zinsangelegenheiten abzuschütteln“, konstatiert Ufuk Boydak, Vorstand und Fondsmanager von Loys. Für Le Pen müsse man nur in die Zeit vor der Globalisierung zurück, um Sicherheit und Vollbeschäftitung zu erreichen. „Wenn sie gewählt wird und das umsetzt, was sie angekündigt hat, wäre es ein Desaster“, sagt Axa-Konzernchef Thomas Buberl. Dem Versicherungsriesen und anderen Finanzinstituten droht unter Le Pen die Verstaatlichung, da die Nationalistin von freiem Unternehmertum nichts hält, sie setzt auf wuchernden Etatismus. Dieser ist historisch ohnehin in Frankreich seit dem Absolutismus tief verwurzelt. „Der Staat bin ich“, – so lautete der Leitsatz von Sonnenkönig Ludwig XIV. Die Wirtschaft hat sich der Politik unterzuordnen, weil nur der Staat für Gemeinwohl sorgen kann. Diese Denkweise ist in Frankreich gesellschaftlicher Konsens. Nur so wird die notorische Kritik aus Paris an der Unabhängigkeit der EZB verständlich.
Mit der fast schon blinden Staatsgläubigkeit vieler Franzosen sind aber auch überzogene Erwartungen an die Politik verbunden. Die Verlierer der Globalisierung sind enttäuscht, auch von der EU, die trotz eines gemeinsamen Marktes nichts gegen Sozialdumping oder die Verlagerung von Produktionstätten in Niedriglohnländer tut. Mit ähnlichen Argumenten wurde…