Erschienen in Ausgabe 5-2017Schlaglicht

Balance statt Boni

Deutsche Wirtschaft auf der schwierigen Suche nach Maß und Mitte

Von Versicherungswirtschaft

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Die Welt der Wirtschaft ist eine Welt voller Gegensätze und Widersprüche. Dass sich die Unternehmen als Business-Treiber an der Grenze des Legitimen bewegen und diese manchmal übertreten, ist wohl Teil des harten Geschäfts zwischen Wettbewerb, Wachstum und Wohlstand. Auf der einen Seite werden immer wieder Stimmen über dicke Gehälter für die mächtigen Vorstandsvorsitzenden laut, auf der anderen kündigen traditionsreiche Konzerne im Rahmen von richtungsgebenden Strategie- und Zukunftsprogrammen radikale Stellenkürzungen an. Es ist scheinbar der schnellste Hebel, um die Bilanzen aufzupolieren. Im Verhältnis zwischen Führung und Personal prallen zwei Welten aufeinander.
Erst kürzlich kam etwa das Handelsblatt zu dem Ergebnis, dass die Vorstandsvergütungen der führenden deutschen Aktiengesellschaften im vergangenen Jahr 93-mal höher ausgefallen sind als die Durchschnittsverdienste „normaler“ Mitarbeiter der jeweiligen Unternehmen. Den Maximalwert erreichte Bernd Scheifele, Chief Executive Officer von Heidelberg Cement. Sein Gehalt lag nach Angaben der Zeitung beim 190-fachen der Durchschnittsvergütung eines Beschäftigten. Mit einem Multiplikator von 39 hatte Deutsche-Bank-Chef John Cryan das gesündeste Lohnverhältnis zum Personal. Der Spitzen-Manager verzichtete aufgrund der angespannten Lage seines Arbeitgebers auf Boni und Tantiemen – zumindest im Geschäftsjahr 2016. Großen Applaus erntete der als bescheiden geltende Brite dafür aber nicht. Angesichts der bis 2018 geplanten Kürzungen von rund 9.000 Arbeitsplätzen, 4.000 davon in Deutschland, wirkt dieser Zug wie ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Verantwortung und Kalkül unter einem Hut

In der Insurance-Industrie, wo das Geschäftsprinzip auf Versicherungsprodukten und -dienstleistungen basiert, wird gerade die Ursprungsidee der Sicherheit durch interne Stellenkürzungen ad Absurdum geführt. In der Branche gilt Downsizing längst nicht als unternehmerisches Sakrileg. Im letzten Jahr kündigte unter anderem der Schweizer Erstversicherer Zurich an, sich bis 2018 von rund 8.000 Mitarbeitern zu trennen. Die Liste ähnlich Gesinnter könnte sich ohne weiteres fortführen lassen. Zugegeben, Vorstandsgehälter und Stellenkürzungen miteinander in Beziehung zu setzen, mag auf den ersten Blick wie ein pauschales Verdikt klingen. Schließlich wird Personal aufgrund von strukturellen Problemen oder unerwarteten Marktwendungen abgebaut und nicht, um den Vorstandschef zu bereichern. Gerechtfertigt ist diese durchaus provokante…