Erschienen in Ausgabe 5-2017Märkte & Vertrieb

Wo die Kleinen ganz groß sind

Europas Firmen bevorzugen den Captive-Standort Luxemburg, Weltkonzerne die Bermudas – trotz ähnlicher Aufsichtsstrukturen

Von Martin WinkelVersicherungswirtschaft

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Am meisten Aufregung verursacht Solvency II bei Versicherungsnehmern, die sich selbst versichern. Fast jeder größere Konzern nennt eine oder mehrere Captives sein Eigen, um Risiken zu absorbieren und Reserven für schlechte Zeiten zu bilden. Fast 600 aktive Captives gibt es nach einer neuen Erhebung im Solvency-II-Raum. Dazu gehören neben der Europäischen Union die Länder Island, Norwegen, Liechtenstein sowie die Schweiz, die von der Versicherungsaufsicht Eiopa als Solvency-II-äquivalent eingestuft werden. Damit ist jeder achte der fast 4.100 aktiven Versicherer im Europäischen Wirtschaftsraum eine Captive. In den wenigen verbleibenden Flecken ohne Solvency II – Guernsey, Jersey und Isle of Man – tummeln sich noch einmal mehrere Hundert davon, Tendenz steigend.
Bei der Domizilwahl zeigen sich regionale Präferenzen. Marktführer Luxemburg ist nicht nur bei seinen Nachbarn wegen der Möglichkeit für Manager, deutsch und französisch zu sprechen, beliebt. Auch mediterrane Länder bevorzugen mehrheitlich das Großherzogtum. Lediglich die Niederlande scheren aus der Phalanx der Luxemburg-Liebhaber aus und orientieren sich eher Richtung Schweiz und Irland, was – wenig überraschend – Domizil der Wahl für Captives britischer und US-amerikanischer Unternehmen ist. Mehr als die Hälfte der 576 bekannten Solvency-II-Captives haben sich in Luxemburg oder Irland niedergelassen. Malta hat aus seiner isolierten Insellage eine Tugend gemacht und schert sich wenig um Befindlichkeiten von Nachbarn, sei es bei der Vergabe von Staatsbürgerschaften gegen Investitionen oder beim Steuerdesign für Captives.

Viele Firmen haben mehrere Captives

Vor allem französische, britische und deutsche Unternehmen haben in Malta anstelle einer Captive im regulatorischen Sinne oft einen Erstversicherer gegründet, der auch direkt Kundenrisiken in der EU zeichnen kann. Allein Peugeot (PSA) unterhält vier davon in dem Zwergstaat. Liechtenstein zieht vor allem schweizerische und österreichische Unternehmen an. Die Zahl der Captives in der Schweiz ist in den letzten Jahren zurückgegangen, da vor allem die kleinen Versicherer die immer höheren Kosten nicht mehr tragen konnten. Keine guten nachbarschaftlichen Gefühle hegen Spanier für Gibraltar. Obwohl geographisch günstig, hat kein einziges spanisches Unternehmen dort eine Captive. Differenzen in der Versicherungsaufsicht sind dabei noch das kleinste Problem, hätten die Spanier den kleinen Zipfel doch gerne ganz zurück. Theoretisch können Captives aus…