Erschienen in Ausgabe 4-2017Märkte & Vertrieb

Schotten wagen Exit aus dem Brexit

Britische Finanzinstitute setzen auf Luxemburg, Edinburgh plant Referendum zur Unabhängigkeit

Von Philipp ThomasVersicherungswirtschaft

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Jetzt ist nicht die Zeit dafür“, lautet Theresa Mays Antwort auf das Begehren der schottischen Regierung, ein zweites Unabhängigkeitsreferendum abzuhalten – erst recht nicht nach dem Londoner Terroranschlag, der für einen Moment dem gespaltenen Königreich das Wir-Gefühl zurückbrachte. Die Premierministerin beantragte Ende März den offiziellen Austrittsgesuch, nachdem sie die parlamentarische Schlacht gegen die Lords gewann. Das Oberhaus wollte May verpflichten, ein Abkommen mit Brüssel zum Austritt aus der EU vom Parlament absegnen zu lassen. Ferner müsse den mehr als drei Millionen EU-Bürgern in Großbritannien ein Bleiberecht nach dem Austritt garantiert werden. Beide Änderungsanträge wurden jedoch im Unterhaus überstimmt und die Lords mussten den ursprünglichen Entwurf der Regierung hinnehmen. Allerdings droht im Laufe der zweijährigen Brexit-Verhandlungen das Königreich zu zerfallen. Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon will zwischen Ende 2018 und Anfang 2019 über eine Abspaltung von Großbritannien abstimmen lassen. Hintergrund ist der Wunsch Schottlands, im EU-Binnenmarkt zu bleiben. Die britische Regierung setzt dagegen auf einen „harten“ Ausstieg und würde ein schottisches Referendum erst nach dem EU-Austritt zulassen.
Mögliche politische Brexit-Verzögerungen ändern nichts an den Bestrebungen britischer Finanzdienstleister, kontinentale Vorschaltorgansiationen zu gründen. Lloyd’s steht wie andere britische Versicherer vor dem Problem, dass nach dem EU-Austritt im März 2019 für sie weder die EU-Dienstleistungs- noch die Niederlassungsfreiheit mehr gilt. Der für die Brexit-Verhandlungen auf EU-Seite zuständige Franzose Michel Barnier möchte Großbritannien auch noch die Äquivalenz der Aufsichtssysteme und somit die Anerkennung britischer Rückversicherer nehmen. Lloyd’s will daher bis Ende März 2017 entscheiden, in welchem EU-Staat es künftig eine EU-weit zugelassene Vorschaltgesellschaft geben werde. Ähnliche Konstrukte nutzt Lloyd’s bereits für China und Indien. Laut Medienberichten steht Luxemburg in der engeren Auswahl. AIG hat sich bereits für das Großherzogtum entschieden. Für das auf der Sprachgrenze zwischen der Francophonie und dem deutschen Sprachraum gelegene Land sprechen die zentrale Lage, die Mehrsprachigkeit eines Großteils der Bevölkerung sowie der immer wieder bewiesene Pragmatismus der lokalen Behörden. Einziger Wermutstropfen: Die lokale Körperschaftssteuer liegt bei Hinzurechnung der Gewerbesteuer mit 28 Prozent recht hoch…