Erschienen in Ausgabe 4-2017Köpfe & Positionen

Zur Debatte: Mehr Raum für die Moral

„Nachhaltige Finanzprodukte noch nicht im Mainstream angekommen“

Von Herbert RitschVersicherungswirtschaft

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Zur Debatte: Mehr Raum für die Moral

„Nachhaltige Finanzprodukte noch nicht im Mainstream angekommen“

Das Jahr 2015 ließ die Herzen derer, die sich für eine bessere Welt einsetzen, höher schlagen. Es fand eine durchaus erfolgreiche COP 21 Klimakonferenz statt, die bemerkenswerte Enzyklika Laudato Si’ wurde vom neuen Papst Franziskus vorgestellt und die Weltgemeinschaft einigte sich auf die neuen 17 UN-Nachhaltigkeitsziele.
Diese so gute Stimmung in vielen Teilen der Gesellschaft scheint heute wieder verflogen zu sein. Eine gewisse Ernüchterung darüber, wirtschaftlich und gesellschaftlich auf eine nachhaltige Entwicklung einzuschwenken, kehrt ein. An wem liegt es, dass Potenziale nicht im erforderlichen Maße erschlossen werden? Es sind nicht immer nur die „anderen“ verantwortlich dafür, dass wir Nachhaltigkeitsanliegen in der Finanzwelt noch nicht im Rahmen der Möglichkeiten vorantreiben, wie Viele sich das wünschen würden. Warum sind beispielsweise nachhaltige Finanzprodukte in der Realität noch nicht im Mainstream angekommen, obwohl es die Diskussion darüber schon längst gibt?
Laut Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) liegt der Anteil eben dieser Finanzprodukte in Deutschland bei 2,7 Prozent. Diese Faktenlage ist ernüchternd: 97,3 Prozent der Investments in Deutschland werden derzeit so veranlagt, als ob es keinen Klimawandel, keine Kinderarbeit, keine Verletzung der Menschenrechte usw. gibt. Zum einen haben wir es trotz der Diskussion über Klimawandel und sozialer Ungleichheit in den Massenmedien nicht geschafft, dem Anleger die Notwendigkeit von Nachhaltigkeit darzulegen und klar zu machen, dass ein Anleger, ob er dies will oder nicht, den Raum der Moral betritt, sobald er Geld in die Hand nimmt. Daher gibt es auch nicht genügend kundenseitigen Druck auf Politik und Anbieter, um den Markt ethischer und nachhaltiger Investments in Schwung zu bringen. Zum anderen gibt es einen Mangel an qualifizierter vertrieblicher Kundenansprache und Beratung. Der Kundenbetreuer in der Filiale ist meist überfordert, weil nicht ausgebildet, seine Kunden über Ausschlusskriterien oder Best-in-Class-Ansätze zu informieren. Ein weiterer Hinderungsgrund kann in der zeitlich (und damit kostenmäßig) aufwendigeren Beratung des Kunden gegenüber klassischen Finanzprodukten liegen. Der „klassische“ Retailbereich bietet nach wie vor nur in unzureichendem Maß Produkte an, die das Prädikat „Nachhaltigkeit“ verdienen. Hier müssten Banken und Versicherer ansetzen und als wesentliche Player…