Erschienen in Ausgabe 3-2017Märkte & Vertrieb

„Echte Haftungsfälle sehen wir im Organisationsverschulden“

Stefan Sigulla, Vorstand HDI Global, über Sinn und Zweck von Financial-Lines-Konzepten

Von Wolfgang OtteVersicherungswirtschaft

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Versicherungswirtschaft: Entscheidungsträger in Unternehmen, wie Vorstände, Aufsichtsräte, Geschäftsführer, werden zunehmend für Fehlentscheidungen und Fehlverhalten verantwortlich gemacht. Erkennen Sie da einen Trend?

Stefan Sigulla: Ja, die Zahl der gemeldeten D&O-Schäden steigt seit einiger Zeit. Vieles ist darüber in der Presse nachzulesen. Deshalb drängt sich einerseits der Eindruck auf, dass mehr passiert. Andererseits muss man aber auch sehen, dass sich in Deutschland mit Aufsichtsrat und Vorstand zwei Organe gegenüberstehen, die das Gefühl haben, jeweils den anderen überwachen zu müssen. Historisch gesehen, kommt die D&O-Versicherung aus dem anglo-amerikanischen Rechtsraum. Dort ist es durchaus üblich, dass Aktionäre gegen Organmitglieder rechtlich vorgehen. Bei uns dagegen gibt es eher die Situation, dass das eine Organ das andere beobachtet. Diese Situation finden wir fast ausschließlich in Deutschland vor.

Wo entstehen in aller Regel die meisten Konfliktfälle?

Echte Haftungsfälle sehen wir häufig im Organisationsverschulden sowie in der mangelnden Überwachung nachgeordneter Instanzen. Das betrifft vor allem die Beantwortung der Frage nach ausreichenden Kontrollen und der Einhaltung des Vier-Augen-Prinzips. Dazu gehört auch immer die Hinterfragung, ob der Manager den Haftungsfall hätte erkennen müssen oder gar verhindern können.

D&O betrifft nur einen Teil des Risikoschutzes. Immer mehr wird auf den so genannten Financial-Lines-Schutz abgestellt. Werden dadurch Manager bei Entscheidungen leichtfertiger?

Das ist ein sehr wichtiges Thema. Wir als HDI bieten dazu im Bereich Financial Lines mehrere Versicherungslösungen an. Das eine nennen wir Entscheiderschutz, der andere Bereich betrifft Cyberrisiken. Zu dem Ersteren gehören die Manager-Haftpflicht, der Strafrechtsschutz und die Vertrauensschaden-Versicherungsrisiken. Der angestellte Manager ist von seiner Aufgabe her Unternehmer. Die notwendige Wahrnehmung von Chancen bewirkt immer das Eingehen von Risiken. Das sind die beiden Seiten einer Medaille. Wenn ein Manager nun aber Chancen wahrnimmt, muss er zwangsläufig auch das Risiko bewerten. Stellt sich die Entscheidung aber im Nachhinein als falsch heraus, gibt es nach der aktuellen deutschen Rechtsprechung die Möglichkeit, sich auf den eigenen Ermessensspielraum zu berufen. Dieses so genannte Business Judgement nutzt der Manager als Unternehmer dann einwandfrei, wenn er mit Hilfe aller möglichen und sinnvollen Informationsquellen…