Erschienen in Ausgabe 3-2017Schlaglicht

Süß-saure Experimente

Online-Versicherer Lemonade wirbt mit sekundenschnellen Schadenzahlungen um junge Kunden

Von Versicherungswirtschaft

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In den USA gilt das Einrichten eines Limonaden-Verkaufstands durch einen Zehnjährigen als klassischer erster kapitalistischer Gehversuch, ein „Rite of Passage“. Während „Lemons“ mit Versagen assoziert werden, ist der Begriff der „Lemonade“ eher positiv behaftet. Hiermit erklärt sich wohl die zwar kohlensäure-sprudelnde, aber nicht gleich auf Champagner-Assoziationen hinweisende Namensfindung des experimentellen US-Versicherers Lemonade Insurance, der seit Ende 2016 app-gestützte Hausrats- und Wohngebäudeversicherungen im US-Bundesstaat New York anbietet. Eine papierne Administration ist von vornherein ausgeschlossen. Für die Schadenbearbeitung sind meist keine Sachbearbeiter, sondern bloße, auf Betrugserkennung spezialisierte Softwarelösungen zuständig. Im Januar 2017 berichtete Lemonade, dass ein via App gemeldeter Schaden hinsichtlich eines Wintermantels innerhalb von drei Sekunden genehmigt worden sei. Gleichzeitig sei auch die Schadenzahlung erfolgt. Nach 100 Tagen hat Lemonade rund 180.000 US-Dollar an Prämien eingenommen. Das verfolgte Geschäftsmodell ist Peer-to-Peer, d.h. es werden unter den Versicherungsnehmern mutualisierende Risiko­kollektive auf Affinitätsbasis gebildet. Lemonade fungiert dabei lediglich als Initiator, aber insbesondere nach zedierter Rückversicherung kaum noch als Risikoträger. Dies entspricht im Ansatz wohl fast dem Takaful-Gedanken, der der islamischen Versicherung zugrundeliegt.
Es komme noch ein weiteres Element zum P2P-Ansatz hinzu: Die bei günstigem Risikoverlauf fällige Prämienrückgewähr erfolgt an gemeinnützige Zwecke. Wer seinen Versicherer durch nach oben abgerundete Geltendmachung von Schäden zu überhöhten Schadenzahlungen bringt, betrügt somit letztlich eine gemeinnützige Institution.
Die Investoren von Sequoia und Aleph kapitalisierten Lemonade mit 13 Mio. US-Dollar durch. Zu den Rückversicherern gehören Everest Re, Hiscox, XL Catlin, Munich Re und Berkshire Hathaway’s National Indemnity. Die Zessionen dürften auf Quotenbasis funktionieren. Das Insurtech will sein Geschäftsgebiet noch in diesem Jahr auf alle Staaten der USA ausweiten und plant, Kidnap & Ransom-Policen anzubieten.
Initiatoren der Neugründung waren Daniel Schreiber (Mitbegründer von Powermat, dem Hersteller von kontaktlosen Ladevorrichtungen für mobile Geräte) und Shai Wininger, der die E-Platform für digitale Dienstleistungen Fiverr hochgepäppelt hat. Leitende Mitarbeiter kommen von AIG und Ace. Sie dürften mit wertvoll werdenden Stock Options…