Erschienen in Ausgabe 2-2017Märkte & Vertrieb

„Die kritische Lebensphase tritt ab dem Alter 65 bis 70 ein“

Interview mit Johannes Lörper, Vorstandsmitglied der Deutschen Aktuarvereinigung

Von Elke PohlVersicherungswirtschaft

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„Die kritische Lebensphase tritt ab dem Alter 65 bis 70 ein“

Interview mit Johannes Lörper, Vorstandsmitglied der Deutschen Aktuarvereinigung

Versicherungswirtschaft: Was sagen Sie zur Kritik etwa des Bundes der Versicherten, dass die sehr hoch angesetzte Lebenserwartung der Sterbe­tafeln Produkte für Normal­sterbliche uninteressant machen?

Johannes Lörper: Für uns Aktuare ist entscheidend, dass unsere Reservierungsgrundlagen sicher sind. Wir können nicht riskieren, mit zu niedrigen Annahmen zu kalkulieren, die langfristig die Erfüllbarkeit der Versicherungs­verträge gefährden. Das wäre auch nicht im Interesse der Kunden. Außerdem gilt: Ist im Vertragsverlauf die tatsächliche Sterblichkeitsentwicklung günstiger als in der vorsichtigen Kalkulation der Tarife angenommen, entstehen Überschüsse, die den Versicherungsnehmern zu 90 Prozent zugutekommen. Sie werden bei Rentenversicherungen in der Regel für Rentenerhöhungen eingesetzt. Daher sind Produkte der deutschen Lebensversicherer auch für „Normalsterbliche“ mehr als attraktiv.

Kann überhaupt jemand verlässlich voraussagen und damit kalkulieren, wie viel heute 30-Jährige in eine Rente einzahlen müssten, um eine Summe X am Ende herauszubekommen?

Die aktuelle Zurich-Studie sagt, dass Prognosen zur Lebenserwartung von heute 30-Jährigen nur sehr schwer möglich sind. Denn die kritische Lebensphase tritt ab dem Alter 65 bis 70 ein. Und wer kann heute mit Sicherheit sagen, welche externen Faktoren unser Leben in 35 oder 40 Jahren beeinflussen werden? So hat die Medizin in den vergangenen 20 Jahren große Fortschritte gemacht. Wenn es um das Thema Rentenzahlungen geht, muss darüber hinaus beachtet werden, dass die Lebenserwartung nur eine von zwei Stellschrauben ist. Die Entwicklung des Zinses hat ebenfalls eine sehr große Bedeutung.

Könnten nicht weniger vorsichtige Anbieter eine super Rente voraussagen, von der sie ziemlich genau wissen, dass sie nie gezahlt werden kann – und so Kunden anlocken?

Solche Produkte würden es nicht an den Markt schaffen. Die Bafin überwacht genau, ob Kalkulationsgrundlagen nachvollziehbar sind. Die Aufsicht hat kein Interesse an einem Wettbewerb auf Kosten der Sicherheit. Darüber hinaus untersagen die Standesregeln der DAV den Aktuaren, Produkte derartig zu kalkulieren.

Können nach dem Gesagten Versicherer überhaupt ein Produkt anbieten, das auch langfristig eine vernünftige Rendite bietet?

Die Frage ist, ob für den Kunden die Rendite oder die Absicherung seines bereits beschriebenen…