Erschienen in Ausgabe 2-2017Unternehmen & Management

Verkehrsopfer zweiter Klasse

Autonomes Fahren wirft auf der MCC in Düsseldorf ethische Fragen auf

Von Monika LierVersicherungswirtschaft

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Wen wählt sich das autonome Fahrsystem bei einem unvermeidbaren Zusammenstoss als Opfer aus – den Fahrradfahrer mit Helm oder den, der keinen trägt? Und welche Alternative soll es an einem Berghang umsetzen, wenn es nur das „Entweder-Oder“ gibt: Zusammenstoß eines PKW mit nur einem Fahrer mit einem vollbesetzten Schulbus oder den vorzeitigen Absturz des PKW über die Klippen, um den Schulbus zu retten? Die zahlreichen Beispiele, wie Algorithmen für autonome Fahrsysteme künftig ethische Fragen entscheiden sollen, sind gruselig.
Jochen Friedrichs fehlt diesen „Gedankenexperimenten aber der Bezug zur Realität“. Denn der Senior Consultant Motor der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft AG geht davon aus, dass bessere Technik andere Szenarien eröffnet. Denkbar sei beispielsweise, dass der Verkehrsfluss künftig von den Fahrsystemen so weit vorausberechnet wird, dass scheinbar ausweglose Situationen frühzeitig vermieden werden. Zudem geht er davon aus, dass der Verkehrsfluss durch geringere Höchstgeschwindigkeiten insgesamt ruhiger werde. Fehlende Stopps an Ampeln oder Kreisverkehren erhöhten das Reisetempo aber insgesamt, sagte Friedrichs jüngst auf einer Fachkonferenz des MCC in Düsseldorf.
Kein Menschenleben darf gegen ein anderes aufgerechnet werden. Mit dieser Entscheidung des Bundesverfassungegerichts im Fall einer Abschussermächtigung von Flugzeugen bei Terrorgefahr wird die ethische Fragestellung eng begrenzt. Die aufgeworfenen Fragen werden sich aber auch mit dem vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) im September 2016 vorlegten Gesetzentwurf zur Änderung des Straßenverkehrsgesetzes (StVG) nicht lösen lassen. Denn der Entwurf befasst sich nur mit „hoch automatisiertem“ und „vollautomatisiertem“ – nicht mit „fahrerlosem“ Fahren. Neben mehr Verkehrseffizienz und -sicherheit sowie einem Beitrag zum Umweltschutz durch geringere verkehrsbedingte Emissionen geht es der Regierung im Gesetzesentwurf auch um die Stärkung des Innovationsstandortes Deutschland, so Stefan Strick, Präsident der Bundesanstalt für Straßenwesen, der im Auftrag des BMVI auf dem MCC-Fachforum referierte. Mit immerhin 750.000 Beschäftigten zählt die Autoindustrie zu den wichtigsten Arbeitgebern und sei ein „Pfund, das wir nicht aus der Hand geben sollten“, so Strick. Um hier „Leitanbieter in einem Leitmarkt“ zu sein, wurden verschiedene Förderprogramme aufgelegt. Strick ist sich sicher, dass das neue Gesetz, das nur einige wenige Paragrafen des StVG ändert…