Erschienen in Ausgabe 12-2017Märkte & Vertrieb

Auf dem Boden der Tatsachen

Mit Europas dritter Airline-Pleite in diesem Jahr erwarten britische Reiseversicherer hohe Schadenersatzforderungen

Von Philipp ThomasVersicherungswirtschaft

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Betuchte britische junge Herren pflegten im 18. Jahrhundert zusammen mit ihrem Tutor auf eine mindestens mehrmonatige Bildungsreise nach Italien und Griechenland aufzubrechen. Für kleinere Schicksalsschläge waren sie durch die mitgeführten Kreditbriefe an ausländische Banquiers gerichtetete Zahlungsanweisungen gefeit. Ab 1855 demokratisierte das von Thomas Cook begründete Reisebüro derartige Grand Tours auf den Kontinent. Die jeweiligen Reisepolicen wurden bis in die 1970er meist in Lloyd’s platziert. Auch auf Reisen gehende Briten des 21. Jahrhunderts tendieren dazu, vorher eine Travel Insurance Policy abzuschließen, weniger als zehn Prozent der Reisenden wagen sich ohne derartige Deckung von der Insel fort. Die Marktprämie beläuft sich laut dem britischen Versichererverband ABI auf 800 Mio. Pfund, die Schadenzahlungen im Jahr 2016 erreichten 365 Mio. Pfund. Das Produkt ist demnach äußerst profitabel, was sich in den an Reisebüros und sonstige Vermittler gezahlten Provisionen niederschlägt. Marktführer mit 20 Prozent Marktanteil ist die Axa. Etwa die Hälfte der Schadenleistungen waren im Jahr 2016 Krankenbehandlungen.
Nach der unvermittelten Insolvenz der britischen Ferienfluggesellchaft Monarch müssen nun britische Reiseversicherer zittern. Ihnen drohen Gesamtschäden von über 100 Mio. Pfund. Jedoch werden Kreditkartengesellschaften sowie die staatlich betriebene Reiseveranstalterkredit-Deckung ATOL (Air Travel Organiser’s Licence) einen Teil der Schäden abfangen. Auch gelten etwa bei der Hälfte der Reisepolicen Ausschlüsse für den Kumulschadenfall der Insolvenz einer Fluggesellschaft.
Monarch stellte – anders als etwa die über Überbrückungskredite verfügende Air Berlin – von einem Tag auf den anderen den Flugbetrieb ein. 110.000 Urlauber müssen anderweitig von ihren Destinationen zurückgeholt werden. Ferner gibt es 860.000 bereits gebuchte und bezahlte Tickets, für die Monarch die vertraglich geschuldete Leistung nicht mehr erbringen wird. Würde man vereinfacht für jedes Ticket die Summe von 100 Pfund anrechnen, so ergibt sich ein wirtschaftlicher Schaden von 860 Mio. Pfund. Angesichts der hohen Penetration Rate der Reiseversicherung müssten hiervon eigentlich 90 Prozent versichert sein. Ein Teil der Schäden dürfte sich auch auf Kreditkartengesellschaften verlagern, die im Fall der Nichterbringung einer bezahlten Leistung die entsprechende Belastung stornieren müssten. Dies gilt meist nur für Kredit-, nicht aber für Debitkarten.

Unterdeckung beim größten