Erschienen in Ausgabe 11-2017Märkte & Vertrieb

Fast Food gegen Innovationshunger

Versicherungshackathons zwischen Ideenförderung und Recruting-Event

Von Monika LierVersicherungswirtschaft

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Okay Google: „What is a Zurich?“ Rund 24 Stunden haben die sechs angehenden IT-Kaufleuten der Zurich an der Android-Spracherkennung abgearbeitet. Der Erfolg ist nicht a: Trotz eines Tippfehlers erscheint auf dem Touchscreen richtigerweise: „It is an insurance company.“ Für das Team „Hackzubis“ ist dies erst der Anfang einer Assistance für die Zielgruppe der 16 bis 30-Jährigen. Auf Verlangen soll „Okay-Google“ wichtige Informationen und Statistiken rund um Versicherungen nennen können. Damit ihr Tool bei der Zielgruppe auch gut ankommt, soll es auch „Funfacts“ kennen – etwa auf die Frage antworten können, welcher Fußballer seine Beine am höchsten versichert hat. Für die Umsetzung ihres Konzepts hatten die vier Männer und zwei Frauen zu diesem Zeitpunkt beim Zurich Insurhack ebenfalls noch rund 24 Stunden Zeit. Dann folgt der Pitch – die Präsentation ihrer Idee, auch wenn sie als Mitarbeiter der Zurich außer Konkurrenz laufen und damit keine Chance auf die Preisgelder von insgesamt 75.000 Euro haben. „Wir können hier nur gewinnen – viele Erfahrungen machen und neue Verbindungen zu interessanten Leuten knüpfen“, lautet ihre Devise.

Virtuelles Kampffeld mit langer Historie

Die Versicherer können längst nicht mehr jeden Ausbildungsplatz besetzen. Zwischen fünf und sechs Prozent der Ausbildungsplätze bleiben nach Angaben des Arbeitgeberverbandes der Versicherungsunternehmen in Deutschland aktuell unbesetzt. Besonders groß ist die Lücke rund um junge Menschen mit IT-Kenntnissen – zum einen, weil bundesweit über alle Branchen hinweg mehr als 51.000 Bewerber für IT-Stellen fehlen, zum anderen weil die Assekuranz vor einem gewaltigen digitalen Geschäftsumbau steht und dafür viele zusätzliche IT-Spezialisten braucht. Die Versicherung von morgen ist einfach und selbsterklärend im Abschluss und schnell in der Schadenregulierung. Dunkelverarbeitung gilt als Garant für Erfolg. Neue digitale Produkte und Prozesse sind gefragt.
Auf der Suche nach dem richtigen Angebot und Prozess und den passenden Mitarbeitern bedienen sich Versicherer seit letztem Jahr einer Erfindung der Open-Source-Software-Bewegung: den Hackathons. Der aus „Hack“ und „Marathon“ zusammengesetzte Begriff bezeichnet laut Wikipedia „kollaborative Software- und Hardwareentwicklungsveranstaltungen“, die um die Jahrtausendwende von OpenBSD erfunden wurden. Die Debeka, die Anfang November 2016 den ersten Hackathon der deutschen Assekuranz veranstaltete, überschrieb ihren „Debeka-Hackquarter“ noch vorsichtig mit „erster Programmierwettbewerb“. Kurz darauf folgten die Zurich mit ihrem „Insurhack“ und einige Monate später die Allianz Deutschland mit einigen Kooperationspartnern wie Franke und Bornberg und der Strategie- und Managementberatung zeb mit dem „#_hackNEXT“. Die deutsche Zurich-Gruppe ist Anfang Oktober 2017 bereits mit ihrem Insurhack 2.0 unterwegs, auch bei der Debeka steht in Kürze eine Folgeveranstaltung an.

IT-Nerds beeindrucken mit Agilität

Ob „Insurhack“, „Hack Day“, „Hackfest“ und auch „codefest“ – stets geht es darum, innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen in Gruppenarbeit ein funktionierendes Softwareprodukt herzustellen. Oft finden sich die Teams erst vor Ort und meist bestehen sie aus Personen mit unterschiedlichen Spezialkenntnissen. Diese über „Ressortgrenzen“ hinaus gehende Zusammenarbeit von zum Teil fremden Personen, die innerhalb kurzer Fristen zu Ergebnissen kommen, fasziniert Versicherer. Könnte dies doch ein Weg hin zu agilerem Arbeiten sein – also weg von klassischen prozessorientierten Strukturen, die nur sehr langsam auf sich ändernde Kundenbedürfnisse und Rahmenbedingungen reagieren. „Ich bin sehr beeindruckt, wie schnell, kreativ und leidenschaftlich die Teilnehmer an die Themen herangegangen sind und Ergebnisse produziert haben“, kommentierte Debeka-Chef Uwe Laue seinen ersten Hackathon.
Vorgegebene Abläufe für Hackathons gibt es nicht. Oft starten sie mit Vorträgen zu den Themen, zu denen sich Veranstalter und Sponsoren Softwarelösungen wünschen. Bei der Debeka stehen der dies- wie der letztjährige Hackathon unter der recht weiten Überschrift „Digitalisierung in der Versicherungsbranche“, während sich Allianz und Zurich Spezielles wünschten. Bei der Zurich galt es für eine der drei Kategorien „Connecting Communities“, „Open Data“ und „Everyday Insurance“ Programme und Anwendungen zu entwickeln, die zudem unter dem Aspekt „get in touch“ eine engere Verbindung zwischen Kunden und Versicherern schaffen sollten. Von den 26 Teams entschied sich die Mehrzahl für „Everyday Insurance“.
Auch die Allianz stellte drei Bereiche zur Auswahl: Bei der Challenge 1: „New Customer Experience“ ging es um digitale Lösungen, die für den Kunden Mehrwert schaffen und seine Loyalität und Weiterempfehlungsbereitschaft erhöhen sollten. Lösungen der Challenge 2 sollten die Zielgruppe „Best Ager – Silver Surfer“ ansprechen und in der dritten Gruppe „Internet of Things“ wurden IoT-basierte Geschäftsmodelle für Sachversicherer gesucht.

Startup-Ideen mit Pizza und Schlafsack

Die beim zweiten Insurhack präsentierten Ideen setzten vielfach auf die Spracherkennungs-Assistenten von Google oder Amazon sowie Fotos sowohl beim Abschluss wie auch bei der Schadenbearbeitung. Verwendet wurde oftmals Block-Chain-Technologie. Auch die Daten aus sozialen Netzwerken spielten bei vielen Lösungen eine wichtige Rolle. Bei den Produkten ging es fast immer um situative Ausschnittsdeckungen, nur ein Team beschäftigte sich überhaupt mit dem Thema Altersvorsorge. Auch für die Art und Weise, wie die Teams entstehen, existieren keine generellen Regeln. Die Veranstalter sind also in der Gestaltung frei. Wer sich bei der Debeka bewirbt, kann dies entweder als einer von maximal zehn Ideengebern tun oder als Supporter. Die Teams aus Ideengebern und entsprechender Unterstützung finden sich dann in den ersten Stunden des Hackathons. Im letzten Jahr wurden kurzerhand zwei Ideen zu einer verschmolzen.
Beim Insurhack hingegen konnten sich auch komplette Teams anmelden. Haben sich die Teams gefunden, geht es ans Planen, Organisieren, Programmieren. Das für die Teilnehmer Reizvolle ist die Länge der Arbeitsphase – bei der Allianz 30 Stunden, bei der Zurich 48 Stunden –, die dem Ganzen Eventcharakter verleiht. So gehören zur Grundausstattung eines Hackathons die Verköstigung und die Bereitstellung von Schlaf- und Waschgelegenheiten, die üblicherweise den Ansprüche des jungen Publikums genügen: sprich: Pizza, Hamburger, Gummibärchen und Lagerstätten wie in Jugendherbergen oder auf Campingplätzen. Zudem geht es um kurzweilige Freizeitangebote, welche die Versicherer oft mit Kooperationspartnern auf die Beine stellen – bei der Debeka hilft beispielsweise ein örtlicher Radhändler mit E-Bikes aus. Am Ende der Veranstaltung werden die besten Ideen mit mehr oder weniger hohen Preisgeldern gekürt.
Der erste Hackathon brachte der Debeka keine Kooperation oder Erfindung durch einen jungen Tüftler, aber aus den Ideen sind Start-ups entstanden. „Auch ohne eine direkt nutzbare Innovation für unser Haus ziehen wir aus der Veranstaltung doch einen Mehrwert – nämlich die Begeisterung der Mitarbeiter für Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringen wird. Für die Organisation des Debeka-Headquarter 2.0 haben wir deutlich mehr Rückenwind –und dies von sehr viel mehr Abteilungen als bei ersten Mal,“ erklärt Michelle Kasper, die das Organisationsteam des Debeka-Hackquarter leitet. „Wir haben die Hauptverwaltung – also unser Headquarter – ganz bewusst als Veranstaltungsort gewählt. Denn es ging und geht uns darum, die eigenen Türen für den Hackathon zu öffnen, um damit auch bei uns einen Kulturwandel in Gang zu bringen.“ Auch Zurich-Chef Marcus Nagel betont immer wieder, wie wichtig der „Spirit“ für das eigene Unternehmen und dessen digitalen Transformationsprozess ist, der von diesen Veranstaltungen ausgeht. „Mich hat diese agile Arbeitsweise fasziniert – der sportliche Ehrgeiz und der spürbare Spaß, in so kurzer Zeit derart kreative und gleichzeitig praxisnahe Ideen zu entwickeln“, sagte er. Nach ihrer zweiten Veranstaltung steht für die Zurich fest, dass sie in Formaten wie diesem eine große Zukunft sieht.
Für ihren zweiten Hackathon hatte die Zurich Preisgelder in einer Gesamthöhe von 75.000 Euro ausgelobt. „Damit wollen wir eine Anschubhilfe für Gründer bieten, die die besten Insurhack-Ideen möglicherweise in einem Start-up weiterentwickeln möchten“, so Nagel. Die Chancen auf einen Gewinn standen bei der Zurich nicht schlecht: Schließlich durften von den 26 Teams sechs aufgrund ihrer Nähe zu Sponsoren und Veranstalter nicht an der Preisvergabe teilnehmen – codierten und präsentierten also außer Konkurrenz. Und dann wurden jeweils die drei besten Ideen aus den Kategorien „Open data“ und „Everyday Insurance“ (die dritte Kategorie war von den Teilnehmern nicht genutzt worden) prämiert. Somit gab es also sechs Gewinnerteams – plus eines aus dem Sponsorenbereich, das allerdings „nur“ mit Vouchers belohnt wurde.
Dagegen verteilt die Debeka wiederum nur insgesamt bescheidene 8.500 Euro. Die Koblenzer hoffen, dass sich zum zweiten Debeka-Hackquarter auch viele Mitarbeiter anmelden: „Mit einem IT-Bereich von über 600 Mitarbeitern sind wir nicht nur selbst quasi ein großes IT-Unternehmen, sondern wir haben damit viele kreative Köpfe im Haus, die hier die Möglichkeit erhalten, neu zu denken. Ich bin sicher, dass der Hackathon dazu beiträgt, die Innovationskultur in unserem Hause weiter voranzubringen.“ Denn mit der Veranstaltung wolle man nicht nur Innovationen fördern und eine Plattform für Netzwerker schaffen, sondern auch konkret Ideen erleben, die anschließend zukunftsweisend im Unternehmen ein- und umgesetzt werden können.

Aufwand und Ertrag bleiben ungewiss

Sowohl bei ihren ersten wie auch den zweiten Hackathons gewährte die Zurich den Codern und Hackern den exklusiven Zugriff auf ihre neue Versicherungsplattform, die erst in einem halben Jahr an den Start gehen soll, und auf die dazu gehörenden API-Schnittstellen, so dass sie ihre Ideen direkt dort andocken konnten. Eigenem Bekunden nach hat man damit den Ansatz von Start-ups und großen Anbietern im Consumer Markt aufgegriffen, welche zuerst Beta-Versionen an Entwickler heraus geben, um frühes und wichtiges Feedback einzusammeln. Weder bei der Allianz noch bei der Debeka hatten die Teilnehmen einen Zugriff auf die IT-Systeme. „Das schien uns dann doch ein zu hohes Risiko. Schließlich betreten wir hier erst neues Terrain. Hinzu kommt, dass wir nicht erwarten, dass etwas für die Debeka speziell entwickelt wird, denn wir haben eigene hochqualifizierte Experten im Haus. Wir wollen aber Arbeits- und Denkweisen revolutionieren,“ betont Kasper.
Da es neben der Suche nach kreativen Anwendungsideen und lauffähigen Lösungen stets darum geht, junge IT-Experten für das eigene Haus zu entdecken und zu engagieren, bettet die Zurich ein Rahmenprogramm für nicht am Hackathon teilnehmende Studierende in das IT-Event ein. Auf der „Studententour“ durch das Kölner Fußballstadion, in dem der Hackathon stattfand, gaben die junge Leute aus der Personalabteilung des Versicherers Tipps für den Berufseinstieg.
„Hackathons sind Nachwuchsarbeit. Der Faktor junge, kreative Leute in Kontakt zur Branche zu bringen, darf hier nicht unterschätzt werden. Besonders im Kontext von IT ist das ein große Thema. Ob sich dafür allerdings der Aufwand eines Hackathons lohnt, bleibt abzuwarten“, sagt Emanuel Issagholian, der im Gothaer-Konzern für digitale Projekte verantwortlich ist. Vor diesem Hintergrund habe sich die Gothaer entschieden, keine eigenen Hackathons zu organisieren. „Im Zusammenhang mit den vielfältigen digitalen Projekten unseres Hauses haben wir im August aber das Kölner „Interactive Hackfest“ gesponsert“, so Issagholian. Dort ging es um digitale Lösungen für die juristische Praxis. Dies habe man finanziell und personell unterstützt. Über ihre Mitgliedschaft zum Eurapco-Verbund hat die Gothaer zudem auch Einblick in den HackZurich erhalten. Der Verbund hatte sich 2016 zum ersten Mal an dieser größten Veranstaltung dieser Art in Europa beteiligt. Der HackZurich fand dieses Jahr zum fünften Mal statt – und ist bei potenziellen Teilnehmern offenbar sehr beliebt: über 5.000 Anmeldungen gingen für den HackZurich 2017 ein. Für den 40-stündigen Non-Stop-Hackathon wurden 565 Teilnehmer aus 55 Ländern ausgewählt, die an mehr als 150 Projekten arbeiteten. Sponsoren waren unter anderem die Zurich, IBM, Eurapco, die Swiss Re und die CSS-Versicherung. IBM stellte zum einen Technik, zum anderen zugekaufte Wetterdaten bereit und formulierte mit den Versicherern den Anwendungsfall „Wetter und Versicherung“, für den zehn Teams Lösungen präsentierten. Herausgekommen sind beispielsweise ein Früh-Warnsystem für Motorradfahrer und eine Applikation für sonnenhungrige Reisende. Letztere empfiehlt Reiseziele auf Basis von Kosten und Wetterdaten. Dazu bekommt der Nutzer neben einem Angebot der üblichen Reiseversicherungen auch eine Versicherung für das Ausbleiben des prognostizierten Wetters.
„Es ist wichtig zu wissen, wie die junge Generation denkt, weil sich die Welt doch sehr schnell verändert“, sagt Wilma de Bruijn in ihrer Eigenschaft als Managerin von Eurapco im Video zur Veranstaltung. Daher sollte eine Industrie wie die Assekuranz an solchen Hackathons teilnehmen, um sich die Talente zu sichern.lie
„Auch ohne eine nutzbare Innovation ziehen wir aus der Veranstaltung einen Mehrwert.“
Michelle Kaspar, Debeka
Zahltag für Hacker: Die Jury bewertete Programmiercode, Idee und Pitch in jeweils gleichen Teilen. Gewinner in der Kategorie „Everyday Insurance“ mit einem Preisgeld von 21.000 Euro wurde das Team Trojan Hörses (r.), das seine eigenen Schadenerfahrungen aus dem Sturm „Xavier“ in eine Warn-App einbezog. (Foto: lie)
Zahltag für Hacker: Die Jury bewertete Programmiercode, Idee und Pitch in jeweils gleichen Teilen. Gewinner in der Kategorie „Everyday Insurance“ mit einem Preisgeld von 21.000 Euro wurde das Team Trojan Hörses (r.), das seine eigenen Schadenerfahrungen aus dem Sturm „Xavier“ in eine Warn-App einbezog. (Foto: lie)