Erschienen in Ausgabe 11-2017Schlaglicht

Risikoträger ohne Polster

Solvenzberichte offenbaren die Geschäftspraktiken der elf in Deutschland niedergelassenen Captives

Versicherungswirtschaft

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Umsatz, Substanz, Solvenzquoten und Zielkunden der elf in Deutschland „onshore“ niedergelassenen Captives variieren erheblich. Grob lassen sie sich in drei Gruppen einteilen: Captives im ursprünglichen Sinne sind Rückversicherer, die nur Risiken ihrer Eigentümer aus der Schaden- und Unfallversicherung in Rückdeckung nehmen. Solche „klassischen“ Vehikel betreiben Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim und Braun Melsungen, Zulieferer Freudenberg, Rüstungskonzern Diehl und Großhändler Metro. Brutto-Prämieneinnahmen bewegen sich zwischen drei und 15 Mio. Euro, hauptsächlich in den Sparten Feuer- und Sach-, Haftpflicht- und Transportversicherung. Mit Bruttoprämien zwischen 50 und 100 Mio. Euro operieren Erstversicherer Delvag, Lucura, Mercedes-Benz und Pallas im Mittelfeld und versichern ihre Konzern-Kunden teilweise direkt. Siemens hält mit Risicom die größte deutsche Captive mit Beitragseinnahmen von mehr als 400 Mio. Euro. Neben Delvag ist sie die einzige, die in größerem Umfang Lebensversicherungs-Risiken zeichnet. Daimler und Volkswagen gründeten ihre deutschen firmenverbundenen Versicherer, um Kunden und Händlern fahrzeug- und finanzierungsgebundene Deckungen wie Garantie-, Reparaturkosten- und Restschuldversicherung anzubieten. Die „Mercedes-Benz Versicherung“ ging 2015 an den Start und generierte 2016 Einnahmen von ca. 50 Mio. Euro. Volkswagen Versicherung ist schon länger am Markt und schreibt Bruttoprämien von über 260 Mio. Euro. Neben seiner eigenen Onshore-Captive hat der Wolfsburger Autokonzern eine weitere Gesellschaft zusammen mit der Allianz gegründet, das Joint Venture „Volkswagen Autoversicherung“. Mit Anteilen von jeweils 50 Prozent sind beide Partner etwa gleichstark. Da die regulatorisch wichtigen Funktionen von der Allianz wahrgenommen werden, kann das Unternehmen aber nicht als Captive gelten.
Im Mai haben Captives erstmals Berichte zur ihrer Solvenzlage und ihrem Geschäftsmodell vorgelegt. Die Solvenzquoten bewegen sich zwischen 131 und 368 Prozent, die Mindestkapitalquoten meist erheblich darüber. Lediglich Diehl musste 2016 Kapital nachschießen, um auch letztere zu erfüllen. Als kleinste deutsche Captive hat sie pauschale Mindestanforderungen zu erfüllen, die über der Anforderung ans Solvenzkapital liegen. Neben den Risiken aus geschriebenen Prämien belastet Solvency II die Reserven aus Altgeschäft im Run-off mit Risikokapital, das besonders bei Incura und Revium zu Buche schlägt. Während kleine Captives ihre Risiken behalten, geben die…