Erschienen in Ausgabe 1-2017Märkte & Vertrieb

„Die Idee einer Bürgerversicherung funktioniert selbst im Albtraum nicht“

PKV-Direktor Volker Leienbach über politischen und sozialen Zündstoff in der Systemdebatte

Von Wolfgang OtteVersicherungswirtschaft

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Versicherungswirtschaft: Nur einmal kurz angenommen, Ihr Albtraum würde wahr: Die kommende Bundesregierung führt die Bürgerversicherung ein und schafft die PKV ab. Was wären die Folgen?

Volker Leienbach: Danke, aber um meine Nachtruhe müssen Sie sich keine Sorgen machen. Denn die Idee einer Bürgerversicherung funktioniert selbst im Albtraum nicht. Sie geht schon verfassungsrechtlich nicht und vor allem würde sie die medizinische Versorgung für alle Patienten in Deutschland rapide verschlechtern. Das ist auch im Traum irrsinnig. Die sogenannte Bürgerversicherung wäre auch arbeitsmarktpolitisch abwegig. Ihre Einführung würde 51.000 Jobs in der PKV vernichten. Hinzu kämen Zehntausende Arbeitsplätze in Arztpraxen, bei Physiotherapeuten und Hebammen, die ohne den Finanzanteil der Privatversicherten akut bedroht wären. Um 8.000 bedrohte Jobs bei Kaiser’s-Tengelmann zu retten, lässt SPD-Chef Gabriel nichts unversucht. Das zeigt den enormen sozialen Sprengstoff, wenn man hier mutwillig ein Vielfaches von Arbeitsplätzen angreifen würde.

Gleichwohl leitet die PKV gerade unfreiwillig selbst Wasser auf die Mühlen der Bürgerversicherungsbefürworter, mit in vielen Tarifen außergewöhnlich hohen Beitragsanpassungen ...

Wir haben in der PKV die spezielle Situation, dass wir die Kalkulationsgrundlagen, also vor allem die Kosten des medizinischen Fortschritts und den Rechnungszins, nicht regelmäßig und zeitnah anpassen dürfen. Die Kosten der medizinischen Behandlungen steigen Jahr für Jahr. Und infolge der Zinspolitik der EZB sinken die erzielbaren Zinserträge Jahr für Jahr. Aber wir dürfen diese Effekte erst nachträglich bei Überschreiten bestimmter Schwellenwerte einkalkulieren. Um in Ihrem Bild zu bleiben: Da stauen sich die Kosten auf. Statt einer gleichmäßig fließenden Entwicklung gibt es dann irgendwann eine größere Welle. In der gesetzlichen Krankenversicherung steigen demgegenüber die Beiträge Jahr für Jahr in aller Stille. Nach einer Gehaltserhöhung werden automatisch höhere Beiträge abgebucht, und zudem wird jedes Jahr die Beitragsbemessungsgrenze angehoben, aktuell von 50.850 auf 52.200 Euro Jahres-Brutto ab 2017.

Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Von 2007 bis 2017 sind die Beitragseinnahmen pro Kopf in der GKV mit durchschnittlich 3,2 Prozent pro Jahr sogar etwas stärker gestiegen als in der PKV mit 3,0 Prozent. Da sind die aktuellen Erhöhungen in der PKV bereits eingerechnet. Das zeigt, dass die Kosten des medizinischen Fortschritts beide Systeme gleichermaßen…