Erschienen in Ausgabe 9-2016Märkte & Vertrieb

„Das derzeitig günstige Marktumfeld wird von unseren Kunden nicht genutzt“

Jean-Jacques Henchoz, CEO Reinsurance EMEA der Swiss Re, über paradoxes Kundenverhalten und steigenden Schadenaufwand

Von Versicherungswirtschaft

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Versicherungswirtschaft: Wie geht es den internationalen Rückversicherern derzeit?

Jean-Jacques Henchoz: Wir – wie auch unsere Kunden – befinden uns in einer schwierigen Phase. Das aktuelle Tiefzinsumfeld stellt für unsere Branche nach wie vor eine Herausforderung dar. Der Brexit hat eine Zeit der Unsicherheit und Volatilität eingeleitet, deren längerfristige Konsequenzen im Moment nicht absehbar sind. Dadurch wird das Management von Risiken anspruchsvoller – und Risikoexperten, wie wir es als Rückversicherer sind, gewinnen noch mehr an Bedeutung. Von daher sind wir trotzdem in einem anspruchsvollen Marktumfeld stabil.

Der Klimawandel spitzt die internationale Risikolandschaft dramatisch zu. Seit der Einführung des Global Risk Reports des Weltwirtschaftsforum 2006 stand in diesem Jahr erstmals ein Umweltrisiko ganz oben in der Rangliste. Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf das Geschäft der Swiss Re?

In der Tat ist der Klimawandel allgegenwärtig – auch vielleicht daher, dass 2015 das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung war und wir auch in einigen Monaten 2016, wie zum Beispiel im März und Juni, neue Wärmerekorde hatten. Spannend ist in diesem Zusammenhang vor allem die Initiative von Standard & Poors, welche die Auswirkungen des Klimawandels und möglichen Naturkatastrophen mit in die Kreditwürdigkeit eines Staates einfliessen lassen möchte. Wir sind ja schon seit mehr als 25 Jahren in diesem Bereich sehr aktiv und die Versicherungsindustrie kann eine wichtige Rolle spielen. Einerseits können wir helfen, diese Risiken zu quantifizieren. Andererseits können wir bei der Prävention oder nach einer Katastrophe unser Wissen zum Wohl des Staates und der Einwohner einsetzen. Zum Beispiel haben wir in China mit der Provinz Heilongjiang ein gemeinsames Deckungskonzept abgeschlossen. Es war das erste Mal, dass eine chinesische Regierung eine kommerzielle Versicherungslösung in Anspruch nimmt, um Bauern vor finanziellen Schäden von Naturkatastrophen zu schützen. Auch in Europa sehen wir noch viel Bedarf für solche Lösungen. Eine Ausnahme bleibt das Beispiel „Flood Re“ in Großbritannien – das erste Versicherungsschema dieser Art weltweit. Das Flutrisiko in Großbritannien galt lange als nicht versicherbar, weil die Prämien zu teuer waren. Indem es aber als eine von der Regierung gestützte öffentlich-private Partnerschaft aufgesetzt wurde, ermöglicht Flood Re mehr als 350.000 Bewohnern in Hochrisikozonen, eine Flutversicherung zu festen Prämien zu…