Erschienen in Ausgabe 8-2016Schlaglicht

Kulturschock

Konzerne blasen zur Internationalisierungsoffensive – in den Köpfen ist das noch nicht angekommen

Von Christoph BaltzerVersicherungswirtschaft

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Giovanni Liverani hat sein Privatleben im Griff, im wahrsten Sinne des Wortes. Mit ein paar Klicks und Wischern auf seinem Smartphone weiß er, wie es seinem Vater geht und ob mit seinem Haus alles in Ordnung ist: Rolläden runter? Wasser ausgestellt? Automatische Beleuchtung in Betrieb? Der 52-jährige Udinese ist technikverliebt. Und er glaubt an den Universalismus, der mit der Technik einhergeht. Microsoft, Google und Apple zeigen: Was in den USA klappt, funktioniert auch in Europa, funktioniert in Mexiko, in China, in Osteuropa, in Afrika und dem Rest der Welt. Warum sollte das nicht auch für das Versicherungsgeschäft gelten, ein Business, das im Grunde virtuelle Realität verkauft, eine Software für Sicherheit? „Wir erfinden Versicherung neu“, sagt der Ingenieur. Er will das Projekt Vitality in Deutschland zum Erfolg bringen, eine Risikolebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung mit Prämienrabatt für gesund lebende Smartphone-Besitzer, entwickelt von dem südafrikanischen Versicherer Discovery, der – eigenen Angaben zufolge – mehr als fünf Millionen Menschen versichert, in Südafrika, in Großbritannien (zusammen mit Prudential), in China (mit Ping An), in Singapur und Australien (mit AIA).
Die Versicherungskonzerne blasen zur großen Internationalierungsoffensive. Und das fängt beim Spitzenmanagement an. Dass Deutschland-Freund Henri de Castries den aus der Nähe von Düsseldorf stammenden Thomas Buberl zu seinem Nachfolger als Chef der Axa kürte, wirkte wie der sechzehnte Takt in Jospeh Haydns „Symphonie mit dem Paukenschlag“ (No. 94). Bumm. Auch für Buberl selbst. „Ich habe gerade mit meinem Sohn Fußball gespielt, da erschien Henris Nummer auf meinem Telefon “, verriet er einem Journalisten von Le Monde. In passablem Französisch hat der 43-jährige Blitzkarrierist vor der Pariser Presse erklärt, was er ab dem 1. September mit der Axa vorhat: Kosten einsparen. Und Digitalisieren. Eine ähnlich prosaische Aufgabe hat der ivorisch-französische Tidjane Thiam bei der Credit Suise übernommen. Der Absolvent der Pariser Elitehochschulen Mines Paris Tech und Insead (Fontainebleau, Singapur, Abu Dhabi) kam über McKinsey zum Top-Management von Aviva, von dort an die Spitze von Prudential, seit einem Jahr ist er CEO der Credit Suisse. Der Weltenbürger Thiam begeistert durch seine Eloquenz, doch spürbar vorangekommen ist das Schweizer Bankhaus bislang nicht.
Von anderen Ländern im Konzern lernen: Bei der Zurich verfolgt man dieses Ziel schon seit Jahren, bei der Allianz…