Erschienen in Ausgabe 8-2016Märkte & Vertrieb

Großbritannien schottet sich ab

EU-Austritt stellt das United Kingdom vor eine regulatorische Zerreißprobe

Von Philipp ThomasVersicherungswirtschaft

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Theresa May, neue britische Premierministerin will den Brexit zu einem Erfolg machen. Noch allerdings wirkt Großbritannien angesichts der immensen Herausforderung, das künftige Verhältnis zur EU zu definieren, ruderlos. Und die Versicherer? Für sie stellt sich die Frage, ob sich künftig die Solvenzbegriffe in der EU und Großbritannien auseinanderentwickeln könnten. In mancher Hinsicht haben britische Aufseher bereits ein anderes Verständnis von Solvabilität. Im Rahmen der ohnehin anstehenden Überprüfung von Solvency II könnte es auch seitens der EU zu einer zunehmenden Divergenz kommen.
Eine solche Divergenz jedoch würde es zunehmend erschweren, britischen Versicherern die EU-Äquivalenz der Beaufsichtigung zuzugestehen. Dies hätte zur Folge, dass Rückversicherungsabgaben an britische Gesellschaften für Netto die Zedenten nicht mehr im selben Maß in Sachen Solvabilität entlasten würden wie bislang. Darüber hinaus würde über eine mögliche Äquivalenz erst nach dem formalen Austritt verhandelt. Britische Versicherer kämen somit zumindest während einer Übergangsphase nicht in den Genuss der Äquivalenz. Umgekehrt könnte die PRA EU-Versicherern die generelle Äquivalenz-Anerkennung verweigern und darauf pochen, jeden Fall separat entscheiden zu wollen. Separat von der Frage der Äquivalenz der Aufsichtssysteme stellt sich auch die Frage nach dem Passporting für Versicherer und Vermittler, d.h. nach dem Fortbestand der Dienstleistungs- und Niederlassungsfreiheit. Auch dies müsste nun gänzlich neu verhandelt werden. Viele britische Finanzdienstleister denken wohl schon über die Errichtung einer einzigen EU-Tochtergesellschaft nach, von der aus Geschäfte in anderen EU-Ländern betrieben werden können.

Lloyd’s nimmt Gespräche mit Aufsichtsbehörden auf

Dies gilt anscheinend auch für Lloyd’s. Elf Prozent seiner Prämie stammen aus dem europäischen Wirtschaftsraum. Dabei existieren Syndikate mit einem wesentlich höheren Anteil. Lloyd’s indes besitzt bereits einen Brexit Contingency Plan, welcher die Schaffung einer lizensierten Plattform vorsieht, etwa in Irland oder Malta. Über ähnliche Konstrukte verfügt der Versicherungsmarkt bereits in China, Singapur, den USA sowie Kolumbien. Lloyd’s will den Verlauf der britischen EU-Verhandlungen nicht abwarten, sondern proaktiv mit einzelnen Aufsichtsbehörden eigene Diskussionen starten.
Der Wert von Lloyd’s Syndikatsbeteiligungen indes verfällt. Während der dritten 2015er Auktion wurde ein Durchschnittspreis von 37 Prozent erzielt. Wer…