Erschienen in Ausgabe 7-2016Märkte & Vertrieb

Blockaden am Brenner

Italienischer Wirtschaft drohen Milliardenverluste

Von Ingo-Michael FethVersicherungswirtschaft

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Das Ende des hitzigen Bundespräsidenten-Wahlkampfs in Österreich hat in der Brenner-Frage bislang nicht zu einem Schlussstrich geführt. Im Gegenteil: Wien hat rund 80 weitere Polizeibeamte an den Brenner bestellt, die im Sinne des Schengen-Abkommens das Gebiet zwischen dem Brenner und Innsbruck kontrollieren. Die österreichische Hauptstadt wird in Rom daher nicht mehr als verlässlicher Partner gesehen. „Der Bau von Blockaden am Brenner ist eine Ohrfeige gegen die Regeln Europas, die politische Logik, die Geschichte und die Zukunft“, schimpft etwa Premier Matteo Renzi.
Die Angst Österreichs vor neuen Flüchtlingsströmen ist aus Sicht Roms unbegründet. Das wahre Problem seien entgegen der Wiener Darstellung nicht die Wanderbewegungen in das Alpenland, sondern umgekehrt die illegalen Grenzübertritte nach Italien. Die sind nach Angaben des Innenministeriums im ersten Vierteljahr 2016 um 65 Prozent angestiegen. Für das Hochschnellen dieser Zahlen macht man in Rom die Abriegelung der Balkanroute verantwortlich. Innenminister Alfano will nun die Einrichtung von Hotspots zur Registrierung der Migranten direkt auf den Schiffen der europäischen Marinemission forcieren; so könnten Wirtschaftsflüchtlinge ohne Asylrecht schneller in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden. Eine Schließung der Schlagbäume am Brenner und im friaulischen Tarvisio hätte zudem direkte Auswirkungen auf die italienische Wirtschaft. Zwei der wichtigsten Transport- und Handelsrouten nach Mitteleuropa würden damit erheblich behindert.
Der Dachverband des italienischen Außenhandels Confcommercio rechnet bereits mit Verlusten in Milliardenhöhe für den italienischen Export. Schwer betroffen dürfte auch die Industrieachse München-Mailand sein.Unzählige deutsche Unternehmen haben in den Ballungsräumen zwischen Verona und Mailand Niederlassungen und Umschlagszentren. 60 Prozent der Güter, die über den Alpenraum transportiert werden, passieren den Brenner. Laut Confcommercio entspricht das einem Warenwert von 524 Mrd. Euro. 80 Prozent davon sind Waren, die Italien entweder als Ursprungs- oder Ankunftsort haben. Bei den restlichen 20 Prozent ist Italien die Logistikplattform – etwa bei Waren, die per Schiff ankommen und dann ins Ausland befördert werden. Jede Stunde Verspätung, die etwa durch verstärkte Kontrollen von seiten Österreichs gleich hinter dem Brenner verursacht werden könnten, schlagen laut Confcommercio mit 170 Mio. Euro pro Jahr zu Buche. Weil dadurch Transportunternehmen veranlasst werden…