Erschienen in Ausgabe 6-2016Märkte & Vertrieb

Grande Nation im Schatten der Reglementierung

Französische Versicherer bereiten sich auf wirtschaftliche und politische Umwälzungen vor

Von Philipp ThomasVersicherungswirtschaft

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François Hollande hat einen schweren Stand bei seinen Landsleuten. Die Beliebtheit des amtierenden französischen Staatspräsidenten liegt aktuell bei rund 15 Prozent. Sein eigener Premierminister Manuel Valls und sein Wirtschaftsminister, der ehemalige Investmentbanker Emmanuel Macron, sind potenzielle Konkurrenten bei den nächsten Präsidentschaftswahlen – letzterer nach Gründung der neuen Bewegung „En Marche!“ auch noch außerhalb der sozialistischen Partei. Anlässlich der Présidentielles 2017 bewerben sich auch der Ex-Präsident Nicolas Sarkozy und die am rechten Rand des politischen Spektrums angesiedelte, aber mittlerweile etwa 30 Prozent der Franzosen repräsentierende Marine Le Pen. Hollande selbst ist sich nicht sicher, ob er sich als dogmatisch-linker oder pragmatisch-rechter Sozialist positionieren soll.
Einmal mehr entsteht der Anschein, als wäre das seit einem Jahrzehnt staatlich überreglementierte Frankreich unregierbar und als stünde die Ablösung der Vème République durch eine neue Verfassung unmittelbar bevor – schließlich haben revolutionäre Umwälzungen in Frankreich periodische Natur. Indes absorbiert das Land heute rekordhohe 57 Prozent des Bruttosozialprodukts. Dementsprechend fordert der französische Staat von seinen Bürgern eine Mehrwertsteuer zu 20 Prozent, eine Körperschaftssteuer von 33,33 Prozent, eine persönliche Einkommenssteuer von bis zu 50 Prozent und Sozialversicherungsbeiträge von 54,83 Prozent. Auch eine ab 1,3 Mio. ziehende bis zu 1,5 prozentige Vermögenssteuer und eine in direkter Linie 45 Prozent erreichende Erbschaftssteuer werden erhoben.
In diesem etatistischen Umfeld müssen französische Versicherer operieren. Während der Axa-Konzern innerhalb der letzten 30 Jahre bereits vorexerziert hat, dass man aus einer Vielzahl kleinerer Mutuelles einen schlagkräftigen Versicherer zimmern kann, müssen andere unter Solvency-II-Druck diesen Weg nun wohl ebenfalls einschlagen. Einschließlich ausländischer Niederlassungen sind in Frankreich 279 Versicherer zugelassen. Die Bruttoprämie stieg 2015 um beachtliche 3,9 Prozent, die Kapitalanlagen beliefen sich per Ende 2015 auf 1.268 Mrd. Euro. Gegenwärtig beschäftigt die französische Versicherungswirtschaft 146.000 Personen, 60 Prozent davon sind Frauen. Das mittlere Alter der Angestellten beträgt 41 Jahre. Regionale Schwerpunkte sind neben der Pariser Gegend die Rhône-Alpes-Region (Zentrum: Lyon) sowie die Côte d’Azur (Marseille, Nizza).

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