Erschienen in Ausgabe 6-2016Schlaglicht

„Eine absolute Garantie kann kein System bieten“

Bafin-Versicherungschef Frank Grund über Preisexzesse bei Ratingagenturen und die Aufsicht unter Solvency II

Von Christoph BaltzerVersicherungswirtschaft

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Versicherungswirtschaft: Herr Grund, wird die Prüfungsintensität durch Vor-Ort-Prüfungen in diesem Jahr steigen?

Frank Grund: Prüfungsintensität, das heißt nicht unbedingt, vor Ort zu prüfen. Was wir an Informationen über die Unternehmen bekommen, wird sowohl quantitativ als auch qualitativ immer mehr. Darum würde ich aus der Zahl der örtlichen Prüfungen, die weiter ein wichtiger Bestandteil bleiben werden, keine Rückschlüsse auf die Intensität der Prüfung ziehen. Für uns wird Solvency II jetzt richtig relevant, nach dem Day-One-Reporting. In der ersten Sichtung werden wir uns auf wenige Kennzahlen konzentrieren. Das ist für uns der erste wichtige Test. Kurz danach geht es mit der ersten Quartalsberichterstattung weiter.

Spielen Zahlen jetzt eine größere Rolle?

Absolut. Die Aufsicht wird quantitativer, die Art der Zahlen wird anders. Aber auch die Reflexion der Unternehmen über die Zahlen wird wichtiger. Wie gehen die Unternehmen mit den Zahlen um? Passt die Standardformel zu dem Geschäftsmodell? Wir erwarten im Orsa (Risikobericht, Anm. d. Red.) erste Informationen. Wenn wir damit nicht zufrieden sind, müssen wir da einsteigen. Da kann es auch zu Ad-hoc-Nachfragen oder Ad-hoc-Terminen kommen, die ja hier im Hause jeden Tag stattfinden.

Es wird sehr viel über die deutschen Lebensversicherer gesprochen und geschrieben. Manche gehen so weit, dass die Lebensversicherer eine Bedrohung für die globalen Finanzmärkte darstellen. Können Sie solche Aussagen nachvollziehen?

Diese Meinung teile ich nicht. Es ist jedoch nicht immer einfach, die Besonderheiten der Lebensversicherer im internationalen Kontext zu erklären. Dies gilt insbesondere für die vielfältigen Sicherungsmechanismen. Wir glauben nicht, dass die deutsche Lebensversicherung ein starkes systemisches Risiko darstellt. Sie wäre ja nur dann systemrelevant, wenn es einen Run gäbe. Diese Überlegungen sind sehr stark von der Bankenlandschaft geprägt. In der Lebensversicherung kennen wir diese Gefahr nicht. Wann könnte so ein Run ausgelöst werden? Wenn die Zinsen dramatisch ansteigen. Der Mittelwert des zinssensitiven Bestands gemessen an der Deckungsrückstellung liegt bei 53,8 Prozent. Auch beim zinssensitiven Bestand gibt es jedoch Mechanismen, die gegen eine Kündigung sprechen, zum Beispiel Stornoabzüge, Wegfall von Steuervergünstigungen oder Wegfall von Versicherungsschutz. Wir gehen davon aus, dass sich selbst bei einem sofortigen Zinsanstieg von 200 Basispunkten kein systemisches Risiko einstellt. Auch der…