Erschienen in Ausgabe 6-2016Schlaglicht

Aufpasser

Ratingagenturen sind Meister der Vereinfachung. Selbst Solvency II kommt nicht ohne ihre Expertise aus. Dabei ergeben sich Möglichkeiten für Arbitrage.

Von Christoph BaltzerVersicherungswirtschaft

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Was beim Rating-Prozess zu beachten ist

Den Gegenseitigkeitsversicherern platzt der Kragen. Grund dafür sind die Gebühren, welche die Ratingagenturen für die Berichte der Versicherer an die Behörden verlangen. Wenn Versicherer mit einer Standardformel für Solvency II arbeiten, müssen sie ihre Risiken in den Kapitalanlagen anhand von externen Ratings darlegen. Für Kapitalanlagen ohne Rating müssen sie viel Risikokapital vorhalten. „Die Preispraktiken der Kreditratingagenturen führen zu erhöhten Kosten bei der für kleine Markteilnehmer ohnehin schon teuren Umsetzung von Solvency II“, klagt Hilde Vernaillen.
Seit 2010 leitet sie den belgischen Gegenseitigkeitsversicherer P&V (1,4 Mrd. Euro Beitragseinnahmen). Die belgische Ökonomin ist Präsidentin von Amice, der europäischen Lobbyorganisation der Gegenseitigkeitsversicherer. Die Mutuals sind in der Regel gut kapitalisiert, ja, oft überkapitalisiert, die Solvency-II-Bürokratie empfinden sie deshalb als übertriebene Bürde, die zusätzlichen Gebühren für die Ratingagenturen als Zumutung. „Anlässlich der für 2018 geplanten Beurteilung von Solvency II sollte der Rückgriff auf Kreditratingagenturen einer erneuten Überprüfung unterzogen werden“, fordert Vernaillen.
Die Finanzkrise im September 2008 hatte dem Renommee der Ratingagenturen unschöne Kratzer zugefügt. Diese Krise haben sie ausgesessen, mit Erfolg. Heute sind sie reicher und mächtiger denn je. Die Umsätze steigen kräftig und kontinuierlich, Umsatzrenditen von 30 Prozent und mehr sind eher die Regel als die Ausnahme. Die größte der Agenturen ist Moody’s, die verstreut über den Globus gut 10.000 Mitarbeiter beschäftigt. Die 1905 von dem New Yorker Analysten John Moody gegründete Ratingagentur ist derzeit fast 19 Mrd. US-Dollar wert, fast drei Mal so viel wie die gesamte Talanx-Gruppe. 3,485 Mrd. US-Dollar Umsatz machte Moody’s im vergangenen Jahr. Daraus erzielte die Agentur einen operativen Gewinn von satten 1,473 Mrd. Dollar. Seit 2003 hat sich der Umsatz fast verdreifacht. Wenig überraschend, dass Warren Buffett großen Gefallen an Moody’s hat. Über lange Jahre war der Milliardär über seinen Gemischtwarenladen Berkshire Hathaway mit 30 Prozent an der Cash Cow beteiligt. Nach der Finanzkrise überkamen ihn Zweifel und er begann sich von Moody’s zu trennen. „Was einst als unfehlbares Geschäftsmodell galt, ist vielleicht doch nicht unfehlbar“, sagte Buffett vor sechs Jahren in einem Interview mit Bloomberg-TV. „Es ist aber nach wie vor ein beachtliches…