Erschienen in Ausgabe 6-2016Unternehmen & Management

Standard-Setting nach Plan

IFRS soll wirtschaftliche Situationen realitätsnäher abbilden – die Bilanzierungsnormen indes werden deutlich komplexer

Von Dr. Andreas FreilingVersicherungswirtschaft

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Rechnungslegung bildet die wirtschaftliche Lage von Versicherern ab. Das gilt für HGB, IFRS, US-GAAP und andere internationale Bilanzierungssysteme ebenso wie für das Steuerrecht und Solvency II. Die Regeln basieren auf vereinbarten Normen, über deren Qualität sich trefflich streiten lässt. Eines jedoch steht fest: Die Realität der Unternehmen und ihrer Märkte ändert sich durch die Festlegung der „Accounting Rules“ nicht. Egal ob Wertpapiere zu Buchwerten oder Zeitwerten bilanziert werden oder mit welchem Zinssatz versicherungstechnische Verpflichtungen abzuzinsen sind – das Geschäft des Versicherers und dessen ökonomische Einflüsse bleiben unverändert.
Diese schlichte Feststellung wird häufig übersehen, wenn über die anstehende Umsetzung der Standards IFRS 9 und IFRS 4 diskutiert wird. Bisher war es üblich, die grundlegenden Unterschiede zwischen der Rechnungslegung nach HGB und der internationalen Rechnungslegung mit der Zwecksetzung der Normen zu erklären. Während die traditionelle deutsche Bilanzierung dem Ziel einer vorsichtigen Gewinnermittlung dient, soll durch die Verwendung von IFRS möglichst weitgehend ein „Fair Value“ der unternehmerischen Aktivitäten abgebildet werden. Eine klare Trennung zwischen beiden Rechnungslegungssystemen wird immer schwieriger.

„Fair Value“-Ansatz abbilden

In den letzten Jahren sind Ansätze zur Marktwertbilanzierung zunehmend in die Rechnungslegung nach HGB eingeflossen. Dies betrifft etwa die Bewertung von Finanzderivaten, die Abzinsung von Pensionsrückstellungen und die Angabe von Zeitwerten im Anhang, der Teil des Jahresabschlusses ist. Gleichzeitig werden Stimmen lauter, die angesichts der nachhaltigen Niedrigzinssituation auf die Nachteile der Marktwertbilanzierung hinweisen. Von einigen Kommentatoren wird der „Fair Value“-Ansatz sogar als Katalysator für die jüngsten Finanzmarktkrisen angesehen. Im Bereich der Lebensversicherung hat die Bilanzierung nach internationalen Grundsätzen immerhin zu einem erheblichen Anstieg der Ergebnisvolatilität geführt. Ursache hierfür ist, dass den Vorschriften des IAS 39 zur Marktwertbilanzierung des Kapitalanlagenbestandes derzeit keine adäquaten Vorschriften für die Bewertung versicherungstechnischer Verpflichtungen gegenüberstehen. Allerdings scheint auch das seit Jahrzehnten im Handelsrecht verankerte Realisations- und Vorsichtsprinzip nicht auszureichen, um die aktuellen Belastungen der Lebensversicherer im HGB-Abschluss adäquat abzubilden. Anders ist es nicht zu erklären, warum…