Erschienen in Ausgabe 5-2016Märkte & Vertrieb

Medizin gegen virtuelle Viren

Deutsche Kommunen schützen sich mit Cyber-Policen vor Erpressern aus dem Internet

Von David GorrVersicherungswirtschaft

Lesen Sie den vollständigen Artikel

Erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln unserer Fachzeitschriften und Publikationen.
Was ist bei uns schon zu holen, fragen sich die Beamten vieler Kommunen, wenn sie auf mögliche Cyber-Risiken angesprochen werden. Von IT-Havarien sind jedoch nicht nur Privatwirtschaft und Bundesbehörden betroffen. „Das Risiko der Kommunen, Opfer eines Datenverlustes zu werden, ist sehr groß“, warnt Johannes Behrends, Experte für Cyber-Versicherungen beim Makler Aon Risk Solutions in Deutschland. In den meisten Fällen nutzen die Täter das Verschlüsselungsnetzwerk Tor sowie die nicht rückverfolgbare Digitalwährung Bitcoin. Kürzlich legte die Trojaner-Software „Locky“ mehrere Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen lahm. Virtuelle Erpresser foderten Geld, um die befallenen Rechner wieder zu entsperren. Beim Zentrum Bayern Familie und Soziales (ZBFS) in Bayreuth gingen die Verantwortlichen auf so einen Deal nicht ein. Die Folge: 500.000 Euro Schaden durch Reparaturaufwand und mehrtägigen Arbeitsausfall.

Polizei rät von Lösegeldzahlungen ab

Die Stadt Dettelbach hingegen zahlte an die Hacker ein Lösegeld von 1,3 Bitcoins, umgerechnet 490 Euro, um sich eines Computer-Trojaners zu entledigen. Anschließend war es der Behörde möglich, einen Teil der Daten wiederherzustellen. Trotz der relativ geringen Summe rät die Polizei sowie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik dringend davon ab. Auch die meisten Versicherer übernehmen nicht die Zahlung von Lösegeld, sondern nur die Kosten für die Entschlüssung der Daten. „Damit machen wir uns nur erpressbar, das Risiko wird um ein Zusätzliches erhöht. In der Praxis indes gehen viele Gemeinden auf die Forderungen ein, weil die Summe relativ gering ist“, erklärt Markus Welker, Abteilungsdirektor für Kommunal- und Rückversicherung vom Badischen Gemeinde-Versicherungs-Verband (BGV). Der Anbieter aus Karlsruhe betreut seit fast 100 Jahren städtische Versorger und Kommunen und spürt deren Unbehagen über die Schattenseiten der digitalen Beschleunigung in intelligenten Netzen. Denn in Bezug auf Risikomanagement wenden sich die Gemeinden oft an die öffentlichen Versicherer. Deren Verband hat vor einiger Zeit das Projekt „Cyber-Risiken“ aufgesetzt.
Seit Herbst 2015 bietet der BGV ein eigenes Cyber-Produkt speziell für kommunale Unternehmen und Gebietskörperschaften in Baden an. „Wir haben bereits erste Abschlüsse“, sagt BGV-Vorstandsmitglied Edgar Bohn im Interview (S. 37). Das verbundene Versicherungsprodukt übernimmt die Wiederherstellungskosten, Ertragsausfall, Schadenersatzansprüche sowie Vertrauens- und Eigenschäden…