Erschienen in Ausgabe 4-2016Schlaglicht

Testiertes Wohlverhalten

Die Versicherer akzeptieren das Regime der Compliance, aber sorgen sich auch um unternehmerische Freiheitsgrade

Von Heinz Klaus MertesVersicherungswirtschaft

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Testiertes Wohlverhalten

Die Versicherer akzeptieren das Regime der Compliance, aber sorgen sich auch um unternehmerische Freiheitsgrade

Mit „Compliance ist das Anständige“ beschrieb Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel im VW-Interview das Zepter unternehmerischen Verhaltens, das in deutschen Unternehmen Geschäfttsstil und Management regiert. Und zwar immer straffer. Waigel hat als Beauftragter der US-Administration für die Bereinigung korruptiver Siemens-Verstrickungen die Macht der Compliance über Gedeih und Verderben von Unternehmen in aller Breite und Tiefe durchmessen. So überzeugend seine Einfachformel, so komplex ist das System, das sich aus Amerika kommend auch in Deutschland zu einem umfassenden Regime ausweitet.
Denn es geht nicht nur um Gesinnung und Papiermoral, sondern um Prozesse und Tools in den Unternehmen mit dem Ziel, Anstand und Sitte über reine Gesetzesbefolgung hinaus messbar und testierbar zu machen.
76 Prozent der deutschen Unternehmen haben ein Compliance Management System installiert – bei Unternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern sind es sogar 96 Prozent, führt eine Erhebung der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PWC) aus. Allein es fehlt – beson­ders bei mittleren Unternehmen – an der systematischen Prozessoptimierung, die bis hin zur Zertifizierung führen kann.
Ende April findet in Berlin die Deutsche Compliance Konferenz statt. Das zweitägige Programm dokumentiert typische, aber keineswegs alle Bau- und Schnittstellen eines funktionierenden Compliance Management Systems. Das reicht von Export- und Sank­tionskontrollen, über Geldwäsche, Kartellrecht, Due Diligence in der Lieferkettenproblematik bis hin zur IT-Compliance im Cyber-Zeitalter. Die Stichworte zeigen, dass in fast allen Teilen das Geschäft der Versicherer tangiert ist: Alles in allem geht es um Risikomanagement und -minimierung. Non-Compliance, so die Devise, ist ein Wettbewerbsnachteil, der insbesondere auch wegen des Reputations­risikos fatale Folgen zeitigen kann.
Die Versicherer sind nach einer repräsen­tativen Studie gut aufgestellt. Obendrein werden installierte Managementsysteme durch freiwillige Brancheninitiativen wie dem Code of Conduct für den Datenschutz oder dem Verhaltenskodex für den besonders virulenten Vertrieb flankiert. Die bislang beigetretenen Unternehmen repräsentieren einen Marktanteil von rund 90 Prozent.
Weiteres verlangt seit 1. Januar 2016 das novellierte Versicherungsaufsichts­gesetz (VAG), das die Solvency-II-Richtlinie national…