Erschienen in Ausgabe 4-2016Köpfe & Positionen

Medien-Querschnitt

Von Heinz Klaus MertesVersicherungswirtschaft

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Post von unbekannt. Sie kosteten zur Zeit der Dogen viele Venezianer Ansehen, Vermögen und nicht selten das Leben durch eine unbarmherzige Inquisition – die „Boccae di Leone“– löwenmäulige Briefkästen an vielen Ecken der Stadt, in die jedermann anonym Anzeigen einwerfen konnte über Verstöße gegen Räson und Compliance. Wurde sodann in der Lagunenrepublik damals weidlich genutzt, diese staatlich geförderte Denunziation, bis die inquisitorische Lawine überschwappend an sich selbst erstickte.
Eherne Briefkästen braucht man heute nicht, man kann kritische Post digital befördern unter Zusicherung voller Anonymität der Online-Anprangerung vermeintlich oder auch tatsächlich kritikwürdiger Umstände und Personen. Das Handelsblatt etwa hat sich mit dieser Methode mächtig hervorgetan, um angeblich missbräuchliche Vertriebsmethoden der Debeka im öffentlichen Dienst aufzudecken, und dann in ungenierten Tönen als bevorzugtes Mittel zeitgemäßer journalistischer Recherche redaktionsoffiziell propagiert (Ausschnitt).
Mit großem Nachahme­erfolg. Der Stern wirbt in seiner Internet-Präsenz für seinen E-Mail-Briefkasten für anonyme Tippgeber: „Haben Sie vertrauliche Informationen, die an die Öffentlichkeit gehören?“ Dann sind Sie hier richtig. ... Sie bleiben anonym.“
Ähnlich durchsichtiges Andienen als Wächter von Moral und Sitte pflegen inzwischen viele Medien, die sich für investigativ halten oder es gerne wären. Sogar die altväterlich linksliberale Zeit, die regionale WAZ und der öffentlich-rechtliche MDR/ARD greifen zu dieser Recherche-Waffe. Wenn es denn wirklich eine Recherche journalistischer Profession wäre. Vielmehr lässt man sich Informationen ja ins Haus tragen oder kübeln. Ich habe selbst als TV-Magazinchef gerne eine scharf investi­gative Klinge geführt und propagiert. Was indes jetzt als effizientes Stilmittel zum „State of the Art“ ernannt wird, scheint mir frag­würdig und kann Flurschäden anrichten – mit Leidtragenden wie schon bei der Methode des Wallraffens: Das angeprangerte Opfer zappelt unvermutet mit einem Schlag im Netz medialer Verdächtigung. Wenn auch leise, meldet sich zumindest auch Skepsis über diese Medienmoral des anonymen Anschwärzens; die Graustufen hin zur Denunziation liegen doch bedrohlich nahe.
Allerdings bekommt diese Medienmoral anonymer Hinweisnutzung gesellschaftlichen und sogar gesetzlichen Rückenwind im Rahmen der Förderung weltweiter Compliance-Kultur (siehe Seite 14). Ein zentrales Momentum entsprechender Systeme ist das…