Erschienen in Ausgabe 4-2016Märkte & Vertrieb

„Amerika ist uns weit voraus“

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), über Tendenzen und Wirkungen der kommenden US-Wahlen auf die europäische und deutsche Wirtschaft

Von Heinz Klaus MertesVersicherungswirtschaft

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Versicherungswirtschaft: Wie bewerten Sie das politische Stimmungsklima in den Vereinigten Staaten, das sich in der Konkurrenz der Parteien und vor allem der extrem heterogenen Präsidentschaftskandidaten in den Vereinigten Staaten jetzt zu den Wahlen hin aufbaut? Man spricht von Protest­potenzial aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen.

Marcel Fratzscher: Es werden in der Tat massiv Ängste aufgebaut; es wird versucht, Gruppen innerhalb der Gesellschaft zu polarisieren, etwa die Migrantenaversion zu befördern. So denke ich, dass ein Sieg von Donald Trump eine Katastrophe wäre – für die USA, aber auch die Weltwirtschaft, wenn er seine Rhetorik denn wirklich umsetzen würde. Auch wenn ihm das nicht gelänge, wäre doch die Verunsicherung erheblich und von Schaden für die Weltwirtschaft.

Wie wirken sich jetzt die Monate bis zum Wahltag aus, bis die Partie entschieden ist? Eine Hängepartie, die notwendige wirtschaftspolitische Entscheidungen lähmt?

Man kann natürlich nicht erwarten, dass die amerikanische Regierung jetzt noch große Gestaltungsprojekte in Angriff nimmt. In TTIP wird der Prozess weitergehen. Aber in zahlreichen Einzelprozessen wird es naturgemäß zu einem Stillstand kommen. So ist das in den Wahljahren bei Demokratien.

Es gibt große transatlantische Wechselwirkungen und einen gemeinsamen In­teressenverbund. Was sind die strukturellen Interessenunterschiede? Was sind die Interessenfronten?

Ich sehe solche grundsätzlichen Interessenunterschiede nicht. Beide Volkswirtschaften müssen immer noch ihre Finanzsektoren grundlegend reformieren, wobei die Amerikaner uns dabei weit voraus sind. Dort wurde seit 2009 der Bankensektor massiv konsolidiert und Kapital wieder aufgebaut – ein Prozess, der in Europa noch nicht so gediehen ist. Aller­dings bestehen in USA ähnliche Wachstumsprobleme, wie wir sie in Europa haben. Es liegt im gemeinsamen Interesse, diese nachgerade säkulare Wachstumsschwäche zu überwinden.

Nun ist aber der US-Trend, sich mehr dem pazifischen Raum zuzuwenden nicht zu übersehen. Was bedeutet das für die europäische Wirtschaft?

Die Interessenverlagerung nach Asien wird sich fortsetzen, sogar beschleunigen. Das, was TTIP an Impulsen für Europa bringen soll, ist in Richtung Asien bereits in Abkommen gegossen. Da hinken wir hinterher. Die Gründung und Verlagerung amerikanischer Produktionsstätten in diesen Raum wird sich vermehren. Das ist eine gewisse Gefahr für die deutsche Volkswirtschaft, weil Deutschland in der Folge als Wirtschafts- und…