Erschienen in Ausgabe 4-2016Märkte & Vertrieb

Brexit bedeutet nicht Exit

Monate vor dem Referendum entdecken Versicherer und Banken ihre Liebe zum Standort London

Von Philipp ThomasVersicherungswirtschaft

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Der britische Premier David Cameron versucht derzeit, den britischen Wählern Zugeständnisse durch Abschwächung des Sozialstaats für EU-Zuwanderer als entscheidende Konzessionen zu verkaufen. Allerdings dürfte es seinen Gegnern innerhalb der eigenen Partei und gar des eigenen Kabinetts sowie der EU-feindlich gesonnenen UKIP nicht schwerfallen, das Verhandlungsergebnis als eher dürftig darzustellen. Zu allem Überfluss hat sich auch noch der populistische und gleichzeitig als großer Intellektueller geltende Londoner Bürgermeister Boris de Pfeffel Johnson (Urenkel eines Innenministers der Hohen Pforte) ins Lager der Brexit-Befürworter geschlagen. Das könnte weitere zwei Prozent der Wähler bewegen, gegen einen weiteren Verbleib in der EU zu stimmen. Die letzten Meinungsumfragen sagen eine 52-­prozentige Mehrheit für Brexit voraus. Sollte das auf den 23. Juni angesetzte Referendum tatsächlich dieses Ergebnis bringen, müsste die britische Regierung gem. Art. 50 des EU-Vertrags in maximal zwei Jahre dauernde Verhandlungen eintreten, welche die Modalitäten des Austritts definieren. Zwischendurch könnte auch die schottische Frage erneut virulent werden, da Schotten sich eher zur EU gehörig führen als die Engländer.
Verschiedene Denkmodelle existieren, was das künftige Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU angeht, etwa auch das einer erneuten Efta-Mitgliedschaft. 1960 war die Efta als eine Schatten-EU für europäische Nicht-EU-Mitglieder gegründet worden. Nach dem Wechsel Großbritanniens, Österreichs und Portugals ins EU-Lager ist die Efta auf nur noch vier Mitglieder (Norwegen, Island, Schweiz, Liechtenstein) geschrumpft. In Gesprächen mit Efta-Verantwortlichen entsteht der Eindruck, man könne sich durchaus eine Wiederaufnahme Großbritanniens vorstellen.
Immer dringlicher wird es für britische Finanzinstitutionen, Verschlusspläne zu entwickeln, wie sie nach Ende der britischen EU-Mitgliedschaft weiter in den EU-Märkten tätig bleiben könnten. Dies gilt nicht zuletzt auch für die im britischen (von Spanien bestritten) Gibraltar ansässigen Erst- und Rückversicherungscaptives, die in ungefähr zwei Jahren sich ohne EU-Dienstleistungsfreiheit wiederfänden.
Hinzu kommt, dass auch das britische Sovereign Rating (AA+ bei Fitch, Aa1 bei Moody’s, AAA bei S&P) gefährdet scheint. Ein Finanzdienstleister kann in der Regel kein besseres Rating aufweisen als der ihn beherbergende Staat.

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