Erschienen in Ausgabe 4-2016Märkte & Vertrieb

Grenzenloses Risiko

Europäische Union distanziert sich von obligatorischen Haftpflichtversicherungen für Nuklearanlagen

Von Thomas A. FriedrichVersicherungswirtschaft

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Fünf Jahre nach der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima wartet die EU-Kommission mit einem neuen Vorschlag über die Absicherung von Nuklearunfällen in kerntechnischen Anlagen auf. Die vom ehemaligen EU-Energiekommissar Günther Oettinger nach den Stresstests aller in der Europäischen Union (EU) am Netz befindlichen Atommeiler ins Gespräch gebrachte EU-einheitliche verpflichtende Haftpflichtversicherung aller Betreiber von Atomkraftwerken scheint vom Tisch zu sein. Im April will die EU-Kommission einen Sachstandsbericht zur Atomwirtschaft und ihren Perspek­tiven in der EU vorlegen. Der Versicherungswirtschaft liegt das über 40-seitige Arbeitsdokument vor.
Darin listet die Brüsseler Behörde auf, dass von den derzeit 131 am Netz befindlichen AKWs für die Sanierung von über 30 Jahre laufenden Anlagen mit Blick auf Laufzeitverlängerungen mit einem Aufwand von 40 bis 50 Mrd. Euro Sanierungskosten zu rechnen sei. Bis 2050 rechnet die EU-Kommission überdies mit einem Investitionsbedarf von 450 bis 500 Mrd. Euro, um bis zu 90 Prozent der veralteten Anlagen durch neue Atomkraftwerke bis zum Jahre 2050 zu ersetzen. In zehn von 28 EU-Mitgliedstaaten sind Neubauten bereits auf dem Weg oder in Planung.
Im Einklang mit den bei der UN-Klimakonferenz COP 21 in Paris im Dezember 2015 bestätigten Annahmen zum Klimaschutz soll die Kernkraft in der EU weiterhin einen erheblichen Beitrag zur Sromerzeugung in der EU leisten. Der Anteil des Atomstroms an der Energieerzeugung in der EU betrug nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) 121 Gigawatt im Jahr 2015 und machte damit 28 Prozent der Erzeugung aus. Bis 2050 sind rund 80 Gigawatt Leistung durch Zubau von neuen Reaktoren projektiert. Davon machen allein Frankreich und Großbritannien zwei Drittel der AKW-Neubauten aus. Darüber hinaus haben Polen, Ungarn, Finnland, die Tschechische Republik, Slowakei, Bulgarien, Rumänien und Litauen den Bau neuer Atomkraftwerke geplant.
Der aktuell am Netz befindliche nukleare Kraftwerkspark hat ein Durchschnittsalter von 29 Jahren. Die Laufzeiterwartung der unterschiedlichen Reaktortypen wird mit einem Alter von 30 bis 60 Jahren veranschlagt. Etliche Betreiber der in die Jahre gekommenen europäischen AKWs streben derzeit Laufzeitverlängerungen an wie in Belgien und Frankreich. Eine europäische Kompetenz gibt es hierfür allerdings nicht.

EU in der Kritik

Als Konsequenz des Reaktorunfalls von Fukushima hatte die EU-Kommission im Jahr 2012 für Europa einheitliche EU-weite…