Erschienen in Ausgabe 2-2016Unternehmen & Management

Proportionalität im Lichte der Gewinnoptimierung

Warum sich ein unternehmerischer Dialog mit der Bafin lohnt

Von Jegor TokarevichVersicherungswirtschaft

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Der Begriff der „Proportionalität“ wurde schon vom griechischen Mathematiker Euklid mehrere hundert Jahre vor Christus definiert. Seitdem wird er in unterschiedlichen Disziplinen verwendet, darunter z.B. in der Physik, im Strafrecht oder in der Histochemie. Im EU-Versicherungsaufsichtsrecht bezeichnet der „Grundsatz der Verhältnismäßigkeit“ das gleichmäßige Verhältnis zwischen den Risiken, die ein Versicherungsunternehmen für seine Stakeholder, insbesondere Versicherungsnehmer, eingeht, zum Umfang der aufsichtsrechtlichen Anforderungen.
So viel Raum für wissenschaftliche Diskussionen der Terminus auch bieten mag, ist dieser für ein Versicherungsunternehmen vor allem eines – die kodifizierte Chance, das Geschäftsmodell unter massiven regulatorischen Anforderungen wirtschaftlich sinnvoll zu betreiben. Eine „wirtschaftlich sinnvolle Umsetzung“ bedeutet, dass die Menge des Umsetzungsaufwands vom Unternehmen so gewählt wird, dass der laufende Gewinn nach der Umsetzung optimal ist. Mathematisch gesehen handelt es sich um ein nichtlineares Optimierungsproblem. Der Gewinn ist die Zielfunktion, die es unter den vorhandenen Restriktionen zu maximieren gilt.

Entscheidungsmacht liegt in den Händen des Vorstands

Der Aufwand für die Implementierung der regulatorischen Anforderungen ist eine zusätzliche Variable in der Ressourcen-Restriktion: Anstatt vorhandene HR-, IT- und finanzielle Kapazitäten auf die typischen Versicherungstätigkeiten wie Underwriting oder Schadenbearbeitung aufzuteilen, müssen nun (1) vorhandene Ressourcen zusätzlich auf die Solvency-II-Aufgaben umverteilt werden und/oder (2) neue Ressourcen geschaffen werden.
Die konkrete Entscheidung bezüglich der Umsetzung hängt unter anderem von der erwarteten Auswirkung des Solvency-II-Umsetzungsaufwands auf die Gewinnfunktion ab. Der Umsetzungsaufwand kann den Gewinn reduzieren, aber auch steigern. Die Entscheidungsmöglichkeiten des Vorstands können theoretisch von „keine Umsetzung von Solvency II“ bis zur „Umsetzung von Solvency II mit allen Ressourcen“ reichen, wobei diese beiden Extremfälle zu keiner Gewinnoptimierung führen würden. Im ersten Fall würde der Gewinn durch die Maßnahmen der Aufsichtsbehörde und im zweiten durch die fehlenden Ressourcen für den Versicherungsbetrieb deutlich reduziert werden.
Der optimale Gewinn kann in der Praxis unter anderem aus den folgenden Gründen nicht mathematisch eindeutig bestimmt werden: Der Zusammenhang zwischen dem Solvency-II-Umsetzungsaufwand und dem Gewinn ist…