Erschienen in Ausgabe 2-2016Unternehmen & Management

Löcher in den Reserven

Droht den deutschen Schadenversicherern ein Problem mit Unterreservierung?

Von Christoph BaltzerVersicherungswirtschaft

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Eigentlich gehören die Reserven zu den eher angenehmen Aspekten eines Schadenversicherers, zumindest in Deutschland. Wie gut in der Schadenversicherung reserviert wird, hat kürzlich die Rating-Agentur Fitch bestätigt. „Die Schadenreservierung in Deutschland ist im internationalen Vergleich konservativ“, schreibt die Agentur in ihrem Marktausblick auf die Schadenversicherer (Outlook Stable). Das liegt auch an der vergleichsweise großzügigen steuerlichen Behandlung der Reserven.
Trotzdem warnen die Rückversicherer vor einem Problem, das erst im Entstehen ist, zuletzt die E+S. Munich-Re-Vorstand Ludger Arnoldussen hatte vor drei Jahren in Baden-Baden ein negatives Szenario entworfen: Bei einem Pflegefall, der monatlich Kosten in Höhe von 1.200 Euro verursacht, summiert sich der Schadenbedarf nach dreißig Jahren auf gut eine Million Euro, vorausgesetzt, der Diskontierungssatz von 1,75 Prozent entspricht den wirtschaftlichen Realitäten. Eine Untersuchung des GDV beziffert die Teuerungsrate für solche Fälle jedoch auf bis zu neun Prozent jährlich. Über einen Zeitraum von 30 Jahren wäre ein solcher Fall zu 78 Prozent unterreserviert. „Für die Abbildung der Schadenreserven in der HGB-Bilanz ist das kein Problem, da Schadenreserven mit Ausnahme der Rentenreserven nicht abgezinst bilanziert werden“, sagt Andreas Meyerthole. Er ist Versicherungsmathematiker und Geschäftsführer der aktuariellen Beratungsgesellschaft Meyerthole Siems Kohlruss. Ökonomisch sei das schon eher ein Problem, weil die Erträge aus Kapitalanlagen zurückgehen werden. „Allerdings haben die Schaden- und Unfallversicherer anders als die Lebensversicherer in der Regel die Möglichkeit, die Prämien jedes Jahr anzupassen. Sie müssen es nur tun.“
Es sind gleich drei Effekte, welche zu einem Problem in den Reserven führen können. Erstens ist der medizinische Fortschritt enorm kostspielig. Neue Hilfsgeräte erleichtern das Leben der Geschädigten, doch sie sind nicht ganz billig. Die Haftpflichtversicherer tun sich schwer damit, bei Personenschäden auf die Kostenbremse zu treten. Zu groß ist der Imageschaden, wenn Angehörige der Opfer an die Öffentlichkeit gehen.
Hinzu kommt, dass die geschädigten Personen dank der besseren Behandlung eine zunehmende Lebenserwartung haben. Verstärkt wird die finanzielle Last durch die Zinssituation. Derzeit erwirtschaften die Schadenversicherer etwa vier Prozent Nettorendite auf ihre Kapitalanlagen. Das erscheint zunächst höchst auskömmlich, liegt aber deutlich unter den…