Erschienen in Ausgabe 12-2016Märkte & Vertrieb

Nahles bringt Vertreter um ihre Provision

Traditionelle Vertriebswege sowie das Geschäft privater Altersvorsorgeprodukte werden unter der bAV-Reform leiden

Von Claudia Fell und Frederic KremerVersicherungswirtschaft

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Mit dem nun vorliegenden Entwurf des Betriebsrentenstärkungsgesetzes zeigt der Gesetzgeber seinen Willen zur stärkeren Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung (bAV). Die Neuerungen könnten den Veränderungsdruck auf die Versicherungsindustrie drastisch erhöhen. Eine staatlich stärker geförderte bAV mit Arbeitgeberzuschüssen und einem zu erwartenden „Auto-Enrolment“ wird voraussichtlich negative Auswirkungen auf die Abschlussvolumina der privaten Altersversorgung mit sich bringen. Ferner ist denkbar, dass die Sozialpartner im neuen Gesetzesrahmen weitreichende Rahmenbedingungen durchsetzen oder gar als Einkaufsgemeinschaft auftreten. In diesem Fall ist eine Teilung der Marktstruktur zu erwarten: einem durch tarifliche Nachfrage-Oligopole dominierten „Commodity-Markt“ stünde ein offenerer Markt außer­tariflicher Firmen gegenüber.

Fondsprodukte rücken in den Fokus

Wahrscheinlich wird die vom Gesetzgeber intendierte Lösung bisherige bAV-Produkte im Neugeschäft ersetzen. Dies hätte weitreichende Auswirkungen auf die Industrie:
Erstens könnten alle Anbieter durch die Neugründung branchenweiter Versorgungswerke unter Druck geraten. Diese würden über die Zeit Asset-Pools bilden, die dem Banken- und Versicherungsmarkt wesentliche Sparvolumen entziehen. In jedem Fall wird sich die Nachfrage in wesentlichen Teilen des Marktes stärker auf das Oligopol der Sozialpartner verdichten. Unmittelbar mit der Umsetzung besteht bei den großen Versorgungslösungen eine „the winner takes it all“-Chance für die Anbieter – dieses Fenster schließt sich danach voraussichtlich für viele Jahre. Diese Situation favorisieren die „Platzhirsche“ in der bAV. Sofern die Sozialpartner keine Arbeitgeber-Öffnungsklauseln vereinbaren, verblieben nur im Bereich der außertariflichen Firmen Chancen für eine dauerhafte Marktbearbeitung durch alternative Anbieter. Der Markt der Sozialpartnerlösungen wird aber angesichts des zu erwartenden „Auto-Enrolment“ und Arbeitgeberzuschüssen als Wachstumstreiber die dynamischere Entwicklung zeigen.
Zweitens: In einem bAV-Markt ohne Kapitalmarktgarantien werden Fondsprodukte stärker in den Fokus rücken und die Bilanzen entlasten. Das Alleinstellungsmerkmal der Versicherer, „Garantie“ für Kapitalmarktrenditen und biometrische Risiken, würde teils aufgelöst. Die Verhandlungsmacht der Sozialpartner wird hohe Marktstandards zu Produkten erzeugen. Dies wird es – neben Fixkosten und Marktzugang – den Anbietern abseits der „Platzhirsche“ erschweren, wettbewerbsfähige…