Erschienen in Ausgabe 12-2016Trends & Innovationen

Verantwortung vs. Rendite

Deutsche Versicherer im Spannungsfeld von Zeit und Kollektiv

Von Prof. Dr. Heinrich R SchradinVersicherungswirtschaft

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Die Einsicht, dass Menschen sich präventiv zusammenfinden, um, letztlich im Interesse einer größeren wie auch immer definierten Gemeinschaft, die wirtschaftlichen Folgen potenziell schäd­licher Ereignisse für den Einzelnen bewältigen zu können, ist eine spezifische kulturelle Leistung. Die Wurzeln dieser Einsicht sind einerseits in der den mittelalterlichen Gilden und Zünften entsprungenen Idee der Gegenseitigkeit zu finden, aber auch der Fürsorgegedanke des aufgeklärten Absolutismus führte solchermaßen zur Bildung von „Gefahrengemeinschaften“. Schließlich, und hier erkennen wir die aus der frühen kaufmännischen Handelstradition entwickelte und gegenwärtig dominierende Motivation, wird die Organisation des Gemeinschafts- oder besser des Kollektivgedankens als Mittel zur Einkommens- und Gewinnerzielung begründet.

Finanzieller Ausgleich durch definierte Gemeinschaft

So unterschiedlich in ihrer Jahrhunderte währenden Genesis und insbesondere unabhängig von der sich zeitlich und regional unterschiedlich entwickelten vertragsrechtlichen Würdigung, basieren diese Einsichten stets auf einem allgemeinen technischen Funktionsprinzip. Demnach erfährt ein Einzelner für den Fall, dass ihn ein Schadenereignis persönlich betrifft, durch seine Zugehörigkeit zu einer definierten Gemeinschaft einen finanziellen Ausgleich. Andererseits jedoch trägt der Einzelne zur Gewährung eines finanziellen Ausgleichs bei, für den Fall, dass er selbst zwar schadenfrei bleibt, andere Gemeinschaftsmitglieder hingegen von einem Schadenereignis betroffen sind. Ein so verstandener explizit- oder implizit solidarischer Ausgleich der finanziellen Folgen eines Schadenereignisses über alle Gemeinschafts- oder Kollektivmitglieder bezieht sich dabei keineswegs nur auf die Gegenwart oder die unmittelbare Zukunft, sondern schließt regelmäßig auch weiter in der Zukunft liegende Zeiträume mit ein.
Dies führt bereits zu der zentralen strategischen Fragestellung zur Zukunft der privaten Versicherungswirtschaft: Inwieweit sind die Menschen unserer modernen Industrie- und Informationsgesellschaft willens und bereit, an kollektiven und zeitlichen Ausgleichsprozessen teilzuhaben, auch und gerade dann, wenn individuell kein unmittelbarer finanzieller Vorteil oder eine Überrendite erwartet werden kann? Anders gefragt: Wie viel Risiko- und Prämiendifferenzierung im Rahmen moderner digitaler, medizinischer, technischer und statistischer Erkenntnisgewinnung hält unsere Gesellschaft aus? Und natürlich wollen wir…