Erschienen in Ausgabe 11-2016Unternehmen & Management

Verzerrte Sicht auf das Risiko

Durationslücke kann zu Fehlinterpretationen führen

Von Prof. Dr. Fred Wagner und Daroslav LazicVersicherungswirtschaft

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Die Bemessung der Solvenzkapitalanforderung nach Solvency II beruht auf dem Konzept des ökonomischen Bilanzansatzes und fordert die Bewertung von Aktiva und Passiva zu Marktwerten. Insbesondere Änderungen der risikolosen Zinsstrukturkurve führen aufgrund der Neu-Diskontierung der Vermögenswerte (Kapitalanlagen) und Schulden (versicherungstechnische Verpflichtungen) im Zuge der unterschiedlichen Fristigkeiten der Zahlungsströme zu voneinander abweichenden Aufwertungen (Zinssenkung) bzw. Abwertungen (Zinserhöhung) in der Bilanz eines Lebensversicherungsunternehmens.
Konkret führt die bei Lebensversicherern im Vergleich zu den versicherungstechnischen Verpflichtungen geringere mittlere Laufzeit der Kapitalanlagen zu einem Wiederanlagerisiko sowie bei einer Marktwertbetrachtung zu einem Asset-Liability-Mismatch. Damit entsteht zinsgetrieben eine Ergebnis- und Eigenmittelvolatilität, verbunden mit Gewinn- und Verlustpotenzialen, die eine entsprechende Risikoexponierung zum Ausdruck bringt.
Zur Deckung auch dieses Risikos werden Eigenmittelanforderungen durch Solvency II geltend gemacht.1 Vor diesem Hintergrund resultiert ein Bedarf nach einer Kenngröße, durch die die Zinssensitivität der Eigenmittel ausgedrückt wird, damit vergleichbar wird, welche Lebensversicherungsunternehmen besonders von Änderungen der risikolosen Zinsstrukturkurve betroffen sind. Als Kenngröße für die Zinssensitivität der Eigenmittel rückt die Macaulay-Duration2 der Aktiva und Passiva, und damit im Ergebnis die Durationsslücke zwischen Aktiva und Passiva, quasi als Kennzahl zur Quantifizierung des Risikos von Lebensversicherungsunternehmen immer mehr in den Blickpunkt, wie bspw. im Eiopa-Stress-Test 2014.
Bei zunehmender Fokussierung auf die Durationslücke erscheint es nun aber dringend geboten, das Konzept näher darzustellen und der Frage nachzugehen, inwieweit die Durationslücke tatsächlich als Instrument für die Beurteilung der Zinssensitivität der ökonomischen Eigenmittel und damit einhergehend der Risikoexponierung deutscher Lebensversicherungsunternehmen herangezogen werden kann.

Duration in der Lebensversicherung

Allgemein formuliert ist die Duration der gewichtete Mittelwert der Zeitpunkte, zu denen Einzahlungsströme (bspw. bei festverzinslichen Wertpapieren) oder Auszahlungsströme (Verpflichtungen) generiert werden.3, 4 Hintergrund der Duration ist die Ermittlung einer Sensitivitätskennzahl für Zinsänderungsrisiken bei festverzinslichen Wertpapieren.5 Allerdings hat die Duration…