Erschienen in Ausgabe 11-2016Märkte & Vertrieb

Lloyd’s packt schon mal die Koffer

CEO Inga Beale sucht nach Auswegen aus der Verlustzone und will mit der EU direkte Brexit-Gespräche führen

Von Philipp ThomasVersicherungswirtschaft

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Das Wiederaufkommen von Großschäden und der Ratenabrieb von 3,5 Prozent von 2015 auf 2016 beginnen nun auch die Ergebnisse von Lloyd’s negativ zu beeinflussen. Im ersten Halbjahr 2016 stieg die Lloyd’s aggregierte Combined Ratio auf 98 Prozent, dies nach Besserabwick­lungen der Vorjahrensreserven in Höhe von 5,7 Prozentpunkten. Mit anderen Worten: das „Pure Year“ erreichte eine Combined Ratio von 103,7 Prozent (1. Hj. 2015: 97,5%). Somit entstand ein technischer Verlust von 3,7 Prozent. Dies ist insofern schon fast bedrohlich, als in Zeiten fast inexistenter Renditen auf die technischen Rückstellungen und das Eigenkapital eigentlich eine Combined Ratio unter 95 Prozent erforderlich sein dürfte, um das Eigenkapital adäquat zu bedienen. Im 1. Hj. 2015 hatte die Besserabwicklung noch acht Prozentpunkte gebracht. Auch bei Lloyd’s könnte die Periode konstanter Besserabwicklungsgewinne nun zu Ende gehen.
Trotz eines verschlechterten technischen Ergebnisses erhöhte sich der absolute Gewinn. Dies ist auf einen einmaligen Wechsel­kursgewinn von 301 Mio. Pfund (Brexit-bedingte Abwertung des Pfund zum US-Dollar, wobei Lloyd’s überkongruent in Dollar angelegt hatte) sowie einer Verdreifachung der Investmentrendite von 0,5 auf 1,8 Prozent zurückzuführen. Diese resultierte aus erneut gefallenen Marktrenditen und den dadurch entstandenen Capital-Gains-Effekten auf Bondportefeuilles. Ohne diese beiden Sondereffekte wäre es zu einem Gewinneinbruch gekommen. Unter Hinzurechnung von fiktiven Renditen auf die meist durch Garantien oder Verpfändungen gestellten Solva-Mittel (Funds at Lloyd’s) errechnet Lloyd’s eine Eigenkapitalrendite von 11,7 Prozent.

Solvency-II-Äquivalenz in Gefahr

Da immer noch nicht klar ist, ob es in zwei Jahren zu einem „soft“ oder einem das Ende der EU-Dienstleistungs- und Niederlassungsfreiheit für britische Versicherer bedeutenden „hard Brexit“ kommen wird, beginnt Lloyd’s, sich auf ein derartiges Szenarium vorzubereiten. Chairman John Nelson gab nun zu, der Brexit könne eine Abwanderung von Versicherungsgeschäften von London zum Kontinent mit sich bringen. Möglicherweise müsse Lloyd’s nun eine eigene kontinentale „Onshore-EU-Infrastruktur“ schaffen, um die weitere Marktpräsenz zu gewährleisten. Gewisse Abteilungen müssten London bereits vor Abschluss der Brexit-Verhandlungen verlassen. In Monte Carlo sprach Lloyd’s CEO Inga Beale davon, selbst in Verhandlungen mit der EU einzutreten. Das könnte sich schwierig gestalten, denn die EU weigert sich…