Erschienen in Ausgabe 10-2016Märkte & Vertrieb

Warten auf Godot

Selbst eine große Naturkatastrophe würde den Preisverfall im Rückversicherungsmarkt nicht stoppen

Von Philipp ThomasVersicherungswirtschaft

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Der „inflection point“ des Rückversicherungsmarkts ist in etwa einem Jahr erreicht, ist John Cavanagh überzeugt, Chairman von Willis Re. Insgesamt schreitet die Ratenerosion auf ziemlich allen Märkten fort, mit Ausnahme vielleicht des Hurricane-Geschäfts in Florida. Im Vergleich zum letzten Zyklus weise der derzeitige einen äußerst geringen Schadenverlauf auf, sagte Cavanagh auf dem Rückversicherungstreffen in Monte Carlo (mehr über das Treffen auf S. 86), man könne auch von „Über-Low-Severity“ sprechen.
Dies sei aber wohl eine Abnormalität. Allmählich müssen die steigenden Schaden-Kosten-Quoten, möglicher Nachreservierungsbedarf für Vorjahre sowie bislang ausgebliebene Naturkatastrophen zur Einsicht führen, dass es so nicht weitergehen kann. Insbesondere aus dem Bereich US-Haftpflicht könnte es erneut Überraschungen geben. Cavanagh sieht die „normalised returns“ ohne Abwicklungsgewinne und auf Basis normaler Katastrophen-Belastung bei derzeit nur noch 4,5 Prozent Eigenkapitalrendite, also schon niedriger als den Cost of Capital. Die Rendite auf die technischen Rückstellungen sei mittlerweile bestenfalls Null. Willis Re, die Nr. 3 der Rückversicherungsmakler, verwaltet nach Übernahme des auf P&I Clubs spezialisierten Maklers Miller 11,5 Mrd. an Jahresprämie.

Oligopolistische Branche

Die Welt-Erstversicherungsprämie beträgt knapp 4,6 Bio. Dollar, wovon 240 Mrd. Dollar an Rückversicherungsprämie abgegeben werden. Zwischen 2014 und 2015 war es zu einem Rückgang von vier Prozent gekommen, ein kombinierter Effekt von Wechselkursverschiebungen und Ratenerosion. Der Konzentrationsgrad der Branche liegt derzeit bei 63 Prozent Marktanteil der zehn größten Rückversicherer gegenüber 22 Prozent im Jahr 1980. In der Lebensrückvericherung ist die Konzentration noch weit höher.
Die Schaden-Kosten-Quote der Schaden-Rückversicherer lag 2015 bei 91 Prozent nach 89 Prozent in den Jahren 2012, 2013 und 2014. Geschönt waren die Zahlen durch Vorjahresabwicklungsgewinne, die ca. sechs Prozentpunkte ausmachen. Der Return on Equity der Rückversicherer liegt nach den ersten sechs Monaten dieses Jahres nur noch bei 7,7 Prozent nach 9,5 Prozent 2015 und 11,6 Prozent 2014. Die Eigenkapitalrendite ist somit derzeit nicht mehr höher als die mittleren Kapitalkosten. Das heißt: Die Branche schafft keinen Wert. Dies obwohl im ersten Halbjahr 2016 erneut die Großschadenbelastung gering war. 2015 hatte es immerhin den nun auf sechs Mrd. Dollar geschätzten Chemieunfall im Hafen von Tianjin…