Erschienen in Ausgabe 10-2016Schlaglicht

Nur die wenigsten Insurtechs sind wirklich disruptiv

Start-ups sollen das Versicherungsgewerbe revolutionieren – Ihre Innovationen indes verlaufen meist evolutionär

Von Stefan Groesser und Lara Beer und Rina MüllerVersicherungswirtschaft

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Die vierte industrielle Revolution hat begonnen und gewinnt an Momentum. Digitalisierung, das Internet der Dinge und cyber-physische Systeme sind Schlagworte, welche diese industrielle Revolution kennzeichnen (World Economic Forum 2016). In dieser Entwicklung sind insbesondere Start-ups die Treiber des digitalen Wandels. Sie bringen Risikobereitschaft mit, Offenheit für neue Wege und Methoden, dynamische, anpassungsfähige Strukturen, oftmals Nähe zu Technik und Forschung sowie einen großen Erfolgswillen. Viele Start-ups entwickeln digitale Lösungen und Geschäftsmodelle, die schnell skalierbar sind und interessante Lösungen bieten, aber auch große Gefahren für etablierte Unternehmen bergen (BMWi 2016).
Diese Entwicklung betrifft auch die Versicherungswirtschaft. Die Digitalisierung verändert die Versicherungswirtschaft in einem bis dato unbekannten Maße: in kürzester Zeit entstehen neue Wettbewerber, dominante Glaubenssätze werden hinterfragt und teilweise außer Kraft gesetzt. Unternehmen werden gezwungen, ihre Geschäftsmodelle zu innovieren. Beispielsweise stützen sich manche Start-ups bei der Berechnung ihrer Tarife von Autoversicherungen vermehrt auf übermittelte Fahrzeugdaten. Das Fahrverhalten beeinflusst die Beitragshöhe. Je sicherer die Fahrweise, desto höher fällt der Rabatt aus (Insure the box 2016).

Primäraktivitäten nicht angegriffen

Für etablierte Versicherer steht längst nicht mehr nur die Digitalisierung von Geschäftsprozessen im Zentrum. Es geht darum, Wege zu finden, um neue Nutzenversprechen, Wertschöpfungen und somit innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln. Im Jahr 2010 wurden 200 Mio. US-Dollar, im Jahr 2015 bereits 400 Mio. Dollar in Insurtech investiert (KPMG, Tapping into insurance Fintech: Own it, lease it or share it. Online: www.assets.kpmg.com; PWC, Insurtech: A golden opportunity for insurer to innovate, www.pwc.com).
Die Geschäftsmodellanalyse von 97 Start-ups der globalen Insurtech-Branche zeigt ein großes Angebot an Produkten und Dienstleistungen, welche in digitaler Form angeboten werden. Eine Zuordnung der Angebote der Start-ups zeigt, dass sich die digitalen Angebote über sämtliche Aktivitäten der klassischen Wertschöpfungskette verteilen. Knapp 65 Prozent der digitalen Angebote komplementieren die Angebote etablierter Versicherer. Die meisten Start-ups sind im Bereich Vertrieb und Verwaltung/Service tätig. Nur wenige unterstützen das Marketing oder die gesamte Wertschöpfungskette. Das Asset Management deckt keines der…