Erschienen in Ausgabe 10-2016Märkte & Vertrieb

Katastrophe im Apenin

Nach Milliardenschaden denkt man in Italien wieder an die Einführung einer Pflichtversicherung für Erdbeben

Von Ingo-Michael FethVersicherungswirtschaft

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In Mittelitalien kämpfen die Menschen weiter mit den Folgen des verheerenden Erdbebens. Die genaue Zahl der Todesopfer steht noch nicht fest, es dürften jedoch über 300 sein. Hunderte von Häusern und öffentlichen Gebäuden liegen in Schutt und Asche, tausende Menschen sind obdachlos. Industrie- und Gewerbezentren blieben verschont, dennoch dürfte der Schaden der Assekuranzen in die Milliarden gehen. Das liegt auch an der Infrastruktur in der Region mit ihren vielen Brücken und Tunnels. Die Orte Amatrice, Pescara del Tronto und Accumuli sind wie ausgelöscht, tausende Menschen stehen vor dem Ruin. In der Schuldfrage ermittelt die Staatsanwaltschaft: Schulen und andere öffentliche Gebäude wurden offenbar, trotz strenger Vorschriften, nicht erdbebensicher gebaut. Korruption, Betrug, Pfusch – ein tödlicher Cocktail.
Als Hilfsmaßnahme wies die Regierung die Finanzämter an, sämtliche Steuern und Abgaben in den zerstörten Gemeinden auszusetzen. Die meisten Finanzinstitute tun es gleich und befreien Betroffene von der Bedienung ihrer Immobilienfinanzierung und Ratenkredite. Opfer erhalten von vielen Banken zinslose Darlehen, um sich mit dem Notwendigsten zu versorgen. Unbürokratische Hilfe auch durch Versicherer: Die Mitglieder des Gesamtverbands Ania verzichten auf Prämienzahlungen und Kreditrückführungen und bieten individuelle Hilfsprogramme für Betroffene an.

Staatshilfe statt private Vorsorge

Erdbebenversicherungen, meist kombiniert mit einer Feuer- oder Gebäudeversicherung, sind in Italien unpopulär. Nur jeder zwanzigste Privathaushalt ist gegen Erdbebenschäden abgesichert. Verglichen mit anderen seismisch gefährdeten Ländern wie Neuseeland wird in Italien wenig auf privaten Versicherungsschutz und viel auf staatliche Hilfe gesetzt. Im Falle des Bebens von L’Aquila 2009 belief sich der wirtschaftliche Schaden laut Swiss Re auf 2,8 Mrd. Euro. Versicherer zahlten damals 548 Mio. Euro – woraus man schließen kann, dass nur 20 Prozent der Schäden versichert waren. Ergänzend zur direkten Finanzhilfe Italiens flossen 500 Mio. Euro aus einem EU-Solidaritätsfonds zum Wiederaufbau in L’Aquila.
Ort, Zeit und Heftigkeit der Beben sind bis heute nicht vorhersagbar. Sicher ist nur, dass ihre Epizentren auf dem Stiefel einer Linie folgen, die über den Apennin von Sizilien bis Norditalien läuft, dass die größeren Beben auf der Richter-Skala eine Stärke zwischen sechs und sieben haben und dass sie jedes Jahr von Hunderten kleinerer Erdstöße begleitet werden. Verhindern kann man…