Erschienen in Ausgabe 2-2019Köpfe & Positionen

Sind Cannabinoide bei Menstruationsbeschwerden medizinisch notwendig?

Von Dr. med. Rainer HakimiVersicherungsmedizin

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Eine 45-jährige Patientin ist in Behandlung bei einer Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalyse. Die Ärztin hat eine autonome somatoforme Funktionsstörung mehrerer Organe sowie eine akute Belastungsreaktion diagnostiziert. Zudem klage die Patientin über massive Menstruationsbeschwerden.

Es handele sich um Bauchkrämpfe, die trotz der Gabe verschiedener peripherer Analgetika nicht ausreichend ansprechen. Auf Opioide habe die Patientin mit Übelkeit, Schwäche, Schwindel und Zittrigkeit reagiert, sodass diese nicht eingesetzt werden konnten.

Deshalb wurde Dronabinol verordnet. Damit sei die Patientin deutlich beschwerdegebessert und auch wieder als Selbstständige arbeitsfähig.

Weitere medizinische Befunde liegen nicht vor.

Es wurde ein Rezept auf Dronabinol Tropfen ausgestellt, wobei 250 mg Dronabinol 245 Euro kosten.

FRAGE AN DEN GESELLSCHAFTSARZT

Ist die Behandlung mit Dronabinol im vorliegenden Fall medizinisch notwendig?

Interessant ist, dass das Cannabinoid nicht etwa vom Facharzt für Gynäkologie verordnet wurde, sondern von einer Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin, bei der die Patientin wegen autonomer somatoformer Funktionsstörung und akuter Belastungsreaktion in psychotherapeutischer Behandlung ist.

Auch wurde offenbar nicht berücksichtigt, dass hinter den starken „Bauchkrämpfen“ auch andere, potenziell gefährliche internistische oder chirurgische Erkrankungen des Bauchraums stecken könnten. Eine diesbezügliche klinische, sonographische, labormedizinische oder gar fachärztliche Abklärung ist nicht erfolgt.

Dronabinol hat die Bauchkrämpfe zwar gebessert, allerdings bei ungesicherter Diagnose, was sich für die Patientin fatal auswirken könnte.

Zudem ist die Verordnung von Cannabinoiden gemäß „Cannabisgesetz“ nur in besonders begründeten Einzelfällen bei schwerwiegenden Erkrankungen zugelassen. Ziel des Gesundheitsministeriums war die Verbesserung der Palliativversorgung.

Cannabis kann daher demnach in besonderen Einzelfällen als medizinisch notwendig anerkannt werden, wenn eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende andere Medikation nicht zur Verfügung steht oder im Einzelfall nach der begründeten Einschätzung des Arztes unter Abwägung der zu erwartenden Nebenwirkungen und unter Berücksichtigung des Krankheitszustandes des Patienten nicht angewendet werden kann.

BEURTEILUNG DES GESELLSCHAFTSARZTES

Dronabinol ist im vorliegenden Fall nicht als medizinisch notwendige Heilbehandlung anzusehen.

Begründung: Im…