Erschienen in Ausgabe 2-2019Politik & Regulierung

Begutachtung des Tinnitus unter psychosomatischen Aspekten

Von Wolfgang HausotterVersicherungsmedizin

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Einleitung

Ein Tinnitus aurium (lat. Klingeln der Ohren) wird von den Betroffenen und ihren behandelnden Ärzten verständlicherweise primär mit Ohrerkrankungen assoziiert.

In der Praxis findet man häufig Patienten mit Ohrgeräuschen, bei denen der Ohrenarzt keinen wesentlichen pathologischen Befund erheben konnte oder die primäre Ohrerkrankung längst ausgeheilt ist. Es stellt sich dann die Frage nach einer neurologischen oder psychosomatischen Störung zumindest als Teilkomponente des Beschwerdebildes.

 

Prävalenz

Die Inzidenz des Tinnitus aber auch die Wahrnehmung des Problems durch die Öffentlichkeit hat in den letzten Jahren zugenommen.

35–45 % der Erwachsenen haben zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens ein Ohrgeräusch erlebt, 17 % der Bevölkerung berichten über Tinnituserfahrung von mehr als 5 Minuten Dauer ohne vorheriges Lärmtrauma, 8 % sind dadurch und die Folgestörungen belästigt und 0,5–1 % durch das Ohrgeräusch wesentlich in ihrer Lebensqualität eingeschränkt [21,28].

 

Definition

Tinnitus ist ein subjektiver Höreindruck, der nicht auf der Stimulation durch einen äußeren Schallreiz beruht, aber als ein solcher empfunden wird. Tinnitus ahmt ein akustisches Signal nach. Die fehlende Objektivierbarkeit schließt weder sein Vorhandensein noch eine erhebliche Beeinträchtigung des Betroffenen aus [2,6].

Es gibt bisher keinen Test, der Tinnitus objektivierbar messen kann. Alle gebräuchlichen Fragebögen zur Einschätzung des Schweregrades eines Tinnitus basieren auf den subjektiven Angaben des Probanden und sind dementsprechend für die Begutachtung nur bedingt geeignet.

Begutachtung des Tinnitus unter psychosomatischen Aspekten Summary

Zusammenfassung

Das häufige Auftreten von Tinnitus ohne aktuell fassbare Ohrerkrankung, etwa Morbus Meniere oder ein vorausgehendes Knalltrauma, lässt an neurologische oder psychosomatische Faktoren als Ursache denken, die auch bei der Begutachtung des Phänomens eine erhebliche Rolle spielen. Tinnitus kann zu gravierenden psychoreaktiven Störungen führen und zeigt zugleich eine beträchtliche Komorbidität mit seelischen Erkrankungen. Gutachtliche Probleme ergeben sich in vielerlei Hinsicht. In der Rentenversicherung und im Schwerbehindertenrecht müssen die psychischen Aspekte adäquat berücksichtigt werden. In der gesetzlichen Unfallversicherung sind sie bei Fehlen eines Hörverlustes oft schwer zu evaluieren, wobei sie aber durchaus bei entsprechendem Nachweis anzuerkennen sind. In der privaten Unfallversicherung sind rein…

Tinnitus · Begutachtung · Psychosomatik · somatoforme Störungen · gesetzliche Rentenversicherung · Private Berufsunfähigkeitsversicherung · Unfallversicherung