Erschienen in Ausgabe 1-2019Politik & Regulierung

„Dat Galenus opes“ – Das Spannungsfeld der medizinischen Versorgung

Systemüberschreitende Aufgabenzuordnung als Gegenstand der Versicherungsmedizin

Von Dr. Andrea Popa und Prof. Dr. Joachim BreuerVersicherungsmedizin

Lesen Sie den vollständigen Artikel

Erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln unserer Fachzeitschriften und Publikationen.

EINLEITUNG

Leben und Tod, Krankheit und Gesundheit, Heil und Unheil – die Medizin ist seit jeher von Gegensätzen und einem widerstreitenden Dualismus durchzogen. Schon in der Antike spielte auch Geld eine wesentliche Rolle im Streben nach Gesundheit – Plinius d. Ä. warf den Ärzten im Römischen Reich vor, am Leid der Patienten reich werden zu wollen [1]. Nicht umsonst ist also der uralte Spruch „dat Galenus opes, dat Justinianus honores, pauper Aristoteles cogitur ire pedes“[1] entstanden. Dieser Spruch bringt den dauerhaft im Heilberuf verankerten Dualismus auf den Punkt: Auf der einen Seite folgen Ärzte dem Ruf der altruistischen Humanität, die Heilung und das Wohl der Menschen zu fördern; auf der anderen Seite spielt die realistische Notwendigkeit des Geldverdiensts eine Rolle, indem der praktizierende Arzt seinen Lebensunterhalt durch seinen Erwerb sichern möchte [3]. Auch in der Beziehung zum Patienten setzt sich der Dualismus des Arztberufs fort: Zum einem begegnet der Arzt seinem Patienten auf medizinischer Ebene, um das körperliche Leid zu behandeln. Gleichzeitig aber ist der Arzt ebenfalls Mensch und muss seinem Patienten auf menschlicher Ebene begegnen, um dessen Lebenskontext zu verstehen und dies dann auch in seiner Behandlung zu berücksichtigen [3].

Die Einführung der Sozialversicherung in Deutschland, beginnend mit der Krankenversicherung im Jahr 1883, brachte sowohl für die Ärzte als auch die Patienten insoweit weitreichende Veränderungen und Konsequenzen mit sich. Zum einen sorgte die Sozialversicherung dafür, dass der generelle Zugang zur Gesundheitsversorgung schlagartig erleichtert wurde. Menschen, die sich sonst nie einen Arztbesuch hätten leisten können oder wollen, konnten plötzlich einen Arzt oder ein Krankenhaus aufsuchen und mussten sich sogar in manchen Fällen medizinisch versorgen lassen, was zu einer Änderung des Lebenskontextes der Versicherten führte. Gleichzeitig hat der Staat durch diese Gesetzgebung Institutionen und Rahmenbedingungen geschaffen, deren Vorschriften Folge zu leisten sind und die sich nicht nur auf die Rechtsstellung des Versicherten auf der einen Seite, sondern auf der anderen Seite wiederum auf die gesamte medizinische Tätigkeit auswirken, z. B. mit der Einrichtung der sogenannten Kassenärzte oder der Einführung von unterschiedlichen Bezahlsystemen.

Da die Gesetze der Sozialversicherung die Freiheit des ärztlichen Handelns steuern und auch den Lebenskontext des Patienten beeinflussen, sollte – nein: muss! –…
Versicherungsmedizin · Systemüberschreitende Aufgabenzuordnung · Sozialentschädigungsrecht · Sozialversicherungssystem · Krankenversicherung · Unfallversicherung