Erschienen in Ausgabe 1-2019Köpfe & Positionen

Behandlung mit Testosteron

Von Dr. med. Rainer HakimiVersicherungsmedizin

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Ein 69-jähriger Patient stellt sich im Dezember 2018 in einer urologischen Privatpraxis vor. Er klagt über starkes Schwitzen, Antriebschwäche, Erschöpfung, Schlafstörung und eingeschränkte Leistungsfähigkeit.
Der behandelnde Urologe diagnostiziert einen hypergonadotropen Hypogonadismus mit testikulärer Insuffizienz und leitet eine langfristige Testosteronsubstitutionstherapie mit Testogel ein.

FRAGE AN DEN GESELLSCHAFTSARZT

Ist die Behandlung mit Testosteron in diesem Fall medizinisch notwendig?

Es liegen folgende Befunde vor: Die Prostata ist rektal gut abgrenzbar, mittelgroß, ohne palpatorisch suspekte Veränderungen. Hämorrhoiden I. Grades. 
Die transrektale Sonografie zeigt ein homogenes Parenchymmuster mit einzelnen Verkalkungen, Kapsel unauffällig, Samenblasen symmetrisch, bds. o.B. Prostatavolumen 35 ml, Duplexsonografie der Prostataarterien: unauffällig.

HB 14,2; Thrombos 300.000; Leukos 7,3; Kreatinin 0,9; Harnstoff 49; Elektrolyte unauffällig; C-reaktives Protein 4,4; PSA 1,7; freies PSA 0,37.

Der Patient ist 186 cm groß und wiegt 111 kg.

Im AMS Score ergeben sich 52 Punkte. Angegeben werden eine Verschlechterung des allgemeinen Wohlbefindens mit Gelenk- und Muskelbeschwerden sowie starkes Schwitzen, mittelgradige Schlafstörungen, körperliche Erschöpfung, starke Reizbarkeit und ausgeprägte depressive Verstimmung.

Außerdem fällt auf, dass die genannten Laborwerte nicht aktuell sind, sondern aus 2017 stammen und dass Testosteronwerte nicht bestimmt wurden, genauso wenig wie LH oder FSH.
Im AMS-Fragebogen hatte der Versicherte weder ein Nachlassen der Potenz noch eine Abnahme der Libido angegeben. Trotzdem wurde die Diagnose eines hypergonadotropen Hypogonadismus mit testikulärer Insuffizienz und erektiler Dysfunktion bei Testosteronmangel gestellt. 

BEURTEILUNG

Die Diagnose eines hypergonadotropen Hypogonadismus ist aufgrund der fehlenden Hormonuntersuchungen nicht gesichert.

Der AMS Score liegt bei 52 und zeigt somit zwar ausgeprägte Beschwerden an, diese beziehen sich allerdings vorwiegend auf Allgemeinsymptome und Symptome wie sie auch im Rahmen einer depressiven Verstimmung auftreten. Eine sexuelle Symptomatik oder gar sexuelle Funktionsstörung im Sinne von nachlassender Potenz oder Abnahme der Libido wird von dem 69-Jährigen verneint. 
Trotz fehlender Testosteronbestimmung wird vom Arzt ein klinisch relevanter Testosteronmangel und eine erektile Dysfunktion behauptet.

In der Gesamtschau sind die Diagnosen hypergonadotroper Hypogonadismus mit…