Erschienen in Ausgabe 4-2018Köpfe & Positionen

Wann sind Cannabinoide medizinisch notwendig?

Aus der HALLESCHE Krankenversicherung, Stuttgart (Leitender Gesellschaftsarzt Dr. Rainer Hakimi)

Von Dr. med. Rainer HakimiVersicherungsmedizin

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Nach dem im März 2017 in Kraft getretenen sogenannten Cannabisgesetz (Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften) dürfen auf Antrag folgende Wirkstoffe erstattungsfähig verordnet werden:

  • Cannabisblüten,
  • standardisierte Cannabisextrakte,
  • Dronabinol,
  • Nabilon,
  • Nabiximols.

 

Nabilon ist ein in der Natur nicht vorkommendes THC-Analogon, das auf Cannabinoidrezeptoren wirkt wie THC. THC und andere Cannabinoide wirken über das Endocannabinoidsystem, das ubiquitär im Neokortex, in den Basalganglien, im Cerebellum, im Hipokampus und im Hirnstamm, aber auch in verschiedenen peripheren Geweben und Organen sowie im Immunsystem und im zirkulierenden Blut vorhanden ist. Das Endocannabinoidsystem sorgt für eine Reduktion bzw. Anpassung von Angst, Schmerz und Muskeltonus sowie motorischer Aktivität.

Cannabinoide greifen gezielt an Cannabinoid-Rezeptoren an. Sie wirken spasmolytisch, antiemetisch, analgetisch, sedierend und anxiolytisch.

Cannabinoide sollten einschleichend dosiert werden, da dies die Verträglichkeit deutlich verbessert. Die Eindosierung kann 2–4 Wochen in Anspruch nehmen. Die Dosierung wird gesteigert, bis die gewünschte Wirkung erreicht ist, bzw. adverse Effekte wie Müdigkeit oder Sedierung keine weitere Dosiserhöhung zulassen.

Zur Cannabinoid-Therapie stehen sowohl Fertig- als auch Rezepturarzneimittel sowie Cannabisblüten zur Verfügung. Erfahrungen aus USA, Canada u. a. Ländern haben allerdings gezeigt, dass das Missbrauchspotenzial bei der Verordnung von Cannabisblüten erheblich größer ist, als bei cannabinoidhaltigen Fertig- oder Rezepturarzneimitteln.

Das Rauchen von Cannabisblüten ist wegen der Schädlichkeit der inhalierten Begleitsubstanzen weder sinnvoll noch eine medizinisch tolerable Heilbehandlung. Auch die Inhalation mittels Vaporizer ist nicht sinnvoll und nicht geeignet, da eine sehr schnelle Anflutung des THCs erfolgt, die ein Vielfaches des therapeutischen Bereichs erreicht, um dann schnell wieder abzufallen.

Deshalb wird die orale Applikationsform bevorzugt. Bei oraler Einnahme kommt es zu einer langsamen Resorption, wobei die maximale THC-Plasmakonzentration nach 1–2 h erreicht wird und mehrere Stunden im therapeutischen Bereich verbleibt.

Der Gesetzgeber hat im Cannabisgesetz keine konkreten Indikationen genannt. Angeblich können Cannabinoide viele verschiedene Krankheitsbilder günstig beeinflussen. Allerdings sind die meisten Indikationen nicht durch aussagefähige klinische Studien belegt. Der Evidenzgrad…