Erschienen in Ausgabe 4-2018Köpfe & Positionen

Notizen vom Tage: Analyse des Darm-Mikrobioms - teuer und sinnlos

Von Dr. med. Gerd-Marko OstendorfVersicherungsmedizin

Das Darm-Mikrobiom ist in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der Wissenschaft geraten, da immer mehr Untersuchungen zeigen, dass die Mikroorganismen, die unseren Darm besiedeln, nicht nur unverzichtbare Dienste bei der Verdauung und Verwertung der Nahrung leisten, sondern die Zusammensetzung dieser Mikroorganismen auch eine Rolle bei der Entstehung verschiedenster Erkrankungen – von Magen-Darm- und Lebererkrankungen bis hin zu und Adipositas, Herz-Kreislauf-Leiden und sogar psychischen Störungen – spielt.

Einige Hersteller und Labore bieten deshalb Untersuchungen von Stuhlproben zur Analyse der Darmflora (oft auch als „Darm-Ökogramme“ bezeichnet) an und leiten aus den Ergebnissen Ernährungs- und Handlungsempfehlungen ab. Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) rät jedoch in einer Pressemitteilung vom 5. 9. 2018 ausdrücklich davon ab, solche Stuhltests zur Untersuchung des Mikrobioms in der ärztlichen Praxis zu nutzen, weil diesen die wissenschaftliche Grundlage fehlt, und bezeichnet sie als „teuer und sinnlos“.

„Eine Analyse des gesamten Spektrums der Mikroorganismen im Darm ist weitgehend sinnlos, da die Zusammensetzung des Mikrobioms und eventuelle Krankheitssymptome nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben“, erklärte Prof. Dr. Stefan Schreiber, Direktor der Klinik für Innere Medizin I des Kieler Universitätsklinikums. „Die Mikrobiom-Forschung steht noch relativ am Anfang: Welche Korrelationen bestehen und wie sie sich im Einzelfall auswirken, ist derzeit noch nicht ausreichend bekannt. Darüber hinaus liefert die Analytik auch noch keine konsistenten Ergebnisse, die zwischen verschiedenen Laboren vergleichbar wären.“

Die bakterielle Zusammensetzung der Darmflora kann individuell höchst unterschiedlich ausfallen und ist zudem ständig kurzzeitigen Schwankungen unterworfen, etwa durch die Einnahme von Medikamenten, durch bestimmte Nahrungsmittel oder auf Reisen. „Aus bakteriellen Verschiebungen, die sich in solchen Stuhltests möglicherweise zeigen, lässt sich deshalb noch lange kein krankhafter Zustand oder ein Zusammenhang mit einer chronischen Erkrankung herleiten“, so Schreiber.

Dennoch werden aus den Ergebnissen von Darmflora-Stuhltests oft Ernährungs- und Therapie-Empfehlungen abgeleitet, welche die Lebensqualität des Patienten einschränken und im schlimmsten Fall sogar zu einer Mangelernährung führen könnten. Die Kosten für solche Tests, die mitunter mehrere hunderte oder tausende Euro betragen, werden von den Krankenkassen regelmäßig nicht übernommen, so die DGVS.

„Die Erkenntnisse, die wir in den letzten Jahren über das Mikrobiom gewonnen haben, zeigen, dass in seiner Erforschung ein riesiges Potenzial liegt“, ist, ergänzte Prof. Dr. Christian Trautwein, Direktor der Medizinischen Klinik III der RWTH Aachen und Mediensprecher der DGVS. Die genauen Zusammenhänge zwischen Ernährung, Mikrobiom, Darmgesundheit und dem Zustand anderer Organe sind bislang jedoch nur unzureichend verstanden. Vor allem die mit dem Mikrobiom in Verbindung gebrachten molekularen Prozesse, die zur Entstehung so unterschiedlicher Krankheiten wie Entzündungen, Leberzirrhosen, Krebserkrankungen oder koronarer Herzkrankheit beitragen, müssen genauer erforscht werden.

Kommentar

Anzumerken ist, dass auf medizinisch-wissenschaftlichen Tagungen und Kongressen seit Jahren vor solchen Darmflora-Analysen gewarnt wird, auch in 2018:

So hat Dr. Viola Andresen von der Medizinischen Klinik am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg auf dem 26. Gastroenterologie-Update-Seminar am 2. und 3. 3. 2018 in Wiesbaden ausgeführt, dass solche „Darm-Ökogramme“ zur Analyse des residenten gastrointestinalen Mikrobioms und zur Detektion einer möglichen Dysbiose aus einer Reihe von Gründen sehr kritisch zu betrachten sind und die Ergebnisse dieser Stuhluntersuchungen keinerlei klinische Interpretationen oder gar gezielte therapeutische Empfehlungen zulassen.

Entsprechend hat Prof. Dr. Wolfgang Fischbach von der Medizinischen Klinik II am Klinikum Aschaffenburg-Alzenau auf dem 12 Allgemeinmedizin-Update-Seminar am 27. und 28. 4. 2018 in Wiesbaden kritisiert, dass solche meist recht teuren „Darm-Ökogramme“ aus mehreren Gründen sehr kritisch zu betrachten sind, zumal es keinen definierten Normalbefund gibt und die von den Anbietern angegebenen Normalbereiche bzw. „pathologische“ Abweichungen nicht evidenzbasiert sind. Eine Therapieempfehlung könne aus den Befunden nicht abgeleitet werden.

Aus Sicht der privaten Krankenversicherung ist somit festzustellen, dass es sich bei solchen Analysen der Darmflora bzw. „Darm-Ökogrammen“ nicht um eine medizinisch notwendige Heilbehandlung im Sinne der Versicherungsbedingungen handelt, da sie zur Diagnosestellung sowie zur Beurteilung der Therapieindikation (zumindest derzeit) nicht geeignet sind.

Dr. Gerd-Marko Ostendorf c/o VVW GmbH