Erschienen in Ausgabe 3-2018Trends & Innovationen

Multiple Sklerose: Pathogenetischer Paradigmenwechsel 

Humane endogene Retroviren als Auslöser der Erkrankung?

Von Dr. med. Andreas PosaVersicherungsmedizin

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EINLEITUNG

Nach bisherigem Wissensstand ist die multiple Sklerose (MS) eine chronisch entzündliche demyelinisierende Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), mit weltweit mehr als 2 Mio. Betroffenen (Neurological Disorders Collaborator Group, 2017). Mit einer europäischen Prävalenz von 30–80/100.000 und einer jährlichen Inzidenz von 3.5–5/100.000 ist die MS eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen [72], wobei Frauen ca. dreimal häufiger betroffen sind als Männer  [45]. Deutschlandweit sind schätzungsweise 120.000–140.000 Menschen von MS betroffen [32]. Mit einem Erkrankungsgipfel um das 30. Lebensjahr ist die MS die häufigste neurologische Erkrankung im jungen Erwachsenenalter, wobei bereits Kinder und Jugendliche erkranken können [6].

Das Beschwerdebild ist je nach Ort der ZNS-Läsion sehr heterogen und zeigt sich u. a. in einem monokularen Sehverlust bei Läsion des Nervus opticus, einem Doppeltsehen bei Affektion des Hirnstamms, einer Ataxie bei einer Kleinhirnläsion, sowie einer Muskelschwäche bzw. Sensibilitätsstörung bei Befall von Großhirn oder Rückenmark [12]. Klinisch wird die MS in die Subtypen schubförmig remittierend (RRMS), primär chronisch progredient (PPMS), sekundär chronisch progredient (SPMS) sowie schubförmig progredient (PRMS) unterteilt [54]. Die MS führt zumeist nach 10–20 Jahren zu Beeinträchtigungen in der Mobilität und der Alltagskompetenz und beeinflusst darüber hinaus auch kognitive Funktionen [73]. Eine Heilung ist, trotz intensiver wissenschaftlicher Anstrengungen und zahlreicher Therapieansätze, leider noch nicht möglich [73].

BISHERIGE VORSTELLUNG ZUR MS-PATHOGENESE

Die Ätiologie sowie die pathogenetischen Aspekte der MS sind bislang nur unzureichend verstanden. Gegenwärtig gehen viele Forscher von autoimmunologischen Prozessen aus, welche durch diverse exogene Faktoren beeinflusst werden können. Als Trigger- bzw. Risikofaktoren für eine MS gelten u. a verschiedene genetische Konstellationen [77]. Genomweite Assoziationsstudien haben mehr als 200 Genvarianten identifiziert, die das MS-Risiko erhöhen, von denen das HLA DRB1*1501-Allel die größte Bedeutung hat [73] mit einer Steigerung des MS-Risikos bei heterozygoten Merkmalsträgern um das 3-fache, bei homozygoten um das 6,2-fache [7]. Aber auch Umwelteinflüsse, wie ein Mangel an Vitamin D [78], mit einer höheren Inzidenz in gemäßigteren Klimazonen [73] sowie das Epstein-Barr-Virus (EBV) können die Entwicklung bzw. die Ausprägung der MS-Erkrankung maßgeblich…

Multiple Sklerose (MS) · Pathogenese · Superantigen · Human Endogene Retrovieren (HERV) · Immuntherapie